Ohne Zweifel werden sich aber Ihre Dienststellen mehr für sie und ihren Mann interessieren als wir.” Er sah mich
lächelnd an. “Dnke bestens!” rief ich. „Ein wenig möchte ich nun doch noch meinen Erholungsurlaub
genießen.” ganz mieser, frecher Kerl, mit dem die Buhls immer heimlich getuschelt haben, und wenn man in die Nähe kam, dann schwiegen sie plötzlich.”
Ich konnte, da mir Frau Koffke emsig half und da die fragwürdigen Kunden des Herrn Buhl in letzter Zeit von unseren Mitarbeitern besonders genau
beobachtet worden waren, ziemlich zuverlässig ermitteln, wer dieser „miese, freche Kerl” war: ein aus Magdeburg geflüchteter Buchhalter, nach dem
polizeilich gefahndet wurde.
Major Polaroff holte mich in Sofia vom Flugzeug ab. ,,Ihre Ermittlungen, Genosse Brückner”, rief er aus, nachdem ich ihm berichtet hatte, „decken sich
mit den unseren. Wir können zugreifen! Der Zettel, den Fräulein Böhme im Hotel erhielt, ist in einem der Papierkörbe an der Seepromenade gefunden
worden, nahe dem Steg. Darauf stand als Anschrift lediglich: RitaB., Zimmer dreihundertfünfundzwanzig, also kein Familienname. Auch im Text nicht,
sondern nur: ,Rita, dreiundzwanzig Uhr vierzig an Strand kommen, fünfzig Meter links vom Landesteg.’ Da Fräulein Böhme wohl kaum daran dachte,
vielleicht nicht einmal wußte, daß auch Frau Buhl mit Vornamen Rita heißt, ging sie, wahrscheinlich auf ein heiteres Abenteuer gefaßt, zum angegebenen
Treffpunkt. Was dort geschah, kann ich vorläufig nur rekonstruieren, aber wir werden es bestimmt sehr bald durch die Geständnisse der Täter bestätigt
finden: Anstelle der Rita Buhl, die den Lohn für Zubringerdienste ausgehändigt bekommen sollte, erschien - völlig unerwartet -eine junge Frau, die
sofort mißtrauisch zu fragen begann: Rita Böhme. Wenn sie an Land blieb, zu schreien begann, war das Unternehmen der Menschenhändler geplatzt. Also
zerrten sie die Kerle ins Motorboot und gaben Vollgas. Draußen haben sie dann die gefährliche Mitwisserin bedenkenlos ermordet, denn mitnehmen konnten
sie sie so wenig wie zurückbringen.”
„Wohin mitnehmen?” fragte ich verblüfft. „In die Türkei”, antwortete Polaroff. „Es gibt hier nämlich eine Bande, organisiert und geleitet von einem
ehemaligen ungarischen Offizier, welche allen möglichen Verbrechern, kriminellen wie politischen, zur Flucht in die Türkei verhilft. Das Ehepaar Buhl
leistet dabei Zubringerdienste, gegen beträchtliche Bezahlung natürlich. Aber nicht mehr lange, und unser Grenzschutz hat die Banditen dingfest
gemacht. Die Falle ist bereits aufgestellt. Heute nacht schlägt sie zu.”
„Und Frau Buhl …?”
„… ist bereits festgenommen. Ohne Zweifel werden sich aber Ihre Dienststellen mehr für sie und ihren Mann interessieren als wir.” Er sah mich
lächelnd an. „Wollen Sie die Dame in Empfang nehmen?” „Nee, danke bestens!” rief ich. „Ein wenig möchte ich nun doch noch meinen Erholungsurlaub
genießen.”
Berichtete mir Major Polaroff, „fanden meine Mitarbeiter einen Bademeister, der aussagte, er habe in der Mordnacht von
weit draußen Motorengeräusch gehört, als er -schätzungsweise gegen ein oder zwei Uhr - austreten ging. Er habe aufs Meer hinausgespäht, aber nichts
erkennen können. Er habe sich auch weiter keine Gedanken darüber gemacht, warum auch? Eines aber könnte er mit Bestimmtheit sagen, denn er sei von
Beruf Motorenschlosser: Das Geräusch stammte keinesfalls von einem Buday-Motor, mit dem viele der Rettungsboote ausgestattet sind, noch von einem der
größeren Motorboote des Küstendienstes. Er meinte, es handelte sich um ein schnelles Sportfahrzeug. Ich habe da eine vage Vermutung”, schloß Major
Polaroff nachdenklich, „aber Sie werden verstehen, daß ich sie zunächst noch nicht ausspreche.
Das verstand ich nur zu gut, denn bloße Vermutungen sind in der Kriminalistik eine sehr zweischneidige Sache.
Polaroff fuhr mich zum Flugplatz, und ich flog nach Berlin. Nicht einmal drei Stunden brauchte die IL 18 für die fast 2000 Kilometer, und schon am
übernächsten Abend konnte ich zurückkehren. Ich hatte einiges erreicht.
Über Fräulein Böhme gab es - mittels Fernschreiber eingeholt - nur gute Leumundszeugnisse. Ich fand keinerlei Anhaltspunkte. Anders sah es mit der
Familie Buhl aus. In deren Kneipe verkehrten allerlei zweifelhafte Elemente, für die sich unsere Dienststellen schon seit längerem interessierten. Bei
irgendwelchen kriminellen Handlungen war Herr Buhl, Biedermann vom Scheitel bis zur Sohle - richtiger von der Glatze bis zu den Filzlatschen -, noch
nie erwischt worden. Seine viel jüngere Frau Rita fuhr einen Wartburg de luxe. Woher das Geld kam, war dunkel. Sie hatte, wie ich vorliegenden
Berichten unserer Mitarbeiter entnehmen konnte, mancherlei Männerbekanntschaften, von denen ihr Mann zweifellos wußte, die er sogar wohlwollend
duldete. Ahnungslos erzählte mir dann Frau Koffke, eine mundfertige Reinemachefrau, an die mich ein Mitarbeiter verwiesen hatte, daß die
unternehmungslustige Rita zur Zeit mit einem Kavalier, einem älteren Herrn mit Bürstenbart, vermutlich einem Österreicher, ans Schwarze Meer gefahren
sei. „Und da ist noch einer in ihrem Wagen mitgefahren, so ein jüngerer mit viel Geld, ein ganz mieser, frecher Kerl, mit dem die Buhls immer heimlich
getuschelt haben, und wenn man in die Nähe kam, dann schwiegen sie plötzlich.” Ich konnte, da mir Frau Koffke emsig half und da die fragwürdigen
Kunden des Herrn Buhl in letzter Zeit von unseren Mitarbeitern besonders genau beobachtet worden waren, ziemlich zuverlässig ermitteln, wer dieser
„miese, freche Kerl” war: ein aus Magdeburg geflüchteter Buchhalter, nach dem polizeilich gefahndet wurde.
Major Polaroff holte mich in Sofia vom Flugzeug ab. „Ihre Ermittlungen, Genosse Brückner”, rief er aus, nachdem ich ihm berichtet hatte, „decken sich
mit den unseren. Wir können zugreifen! Der Zettel, den Fräulein Böhme im Hotel erhielt, ist in einem der Papierkörbe an der Seepromenade gefunden
worden, nahe dem Steg. Darauf stand als Anschrift lediglich: RitaB., Zimmer dreihundertfünfundzwanzig, also kein Familienname. Auch im Text nicht,
sondern nur: ,Rita, dreiundzwanzig Uhr vierzig an Strand kommen, fünfzig Meter links vom Landesteg.’ Da Fräulein Böhme wohl kaum daran dachte,
vielleicht nicht einmal wußte, daß auch Frau Buhl mit Vornamen Rita heißt, ging sie, wahrscheinlich auf ein heiteres Abenteuer gefaßt, zum angegebenen
Treffpunkt. Was dort geschah, kann ich vorläufig nur rekonstruieren, aber wir werden es bestimmt sehr bald durch die Geständnisse der Täter bestätigt
finden: Anstelle der Rita Buhl, die den Lohn für Zubringerdienste ausgehändigt bekommen sollte, erschien - völlig unerwartet -eine junge Frau, die
sofort mißtrauisch zu fragen begann: Rita Böhme. Wenn sie an Land blieb, zu schreien begann, war das Unternehmen der Menschenhändler geplatzt. Also
zerrten sie die Kerle ins Motorboot und gaben Vollgas. Draußen haben sie dann die gefährliche Mitwisserin bedenkenlos ermordet, denn mitnehmen konnten
sie sie so wenig wie zurückbringen.”
„Wohin mitnehmen?” fragte ich verblüfft. „In die Türkei”, antwortete Polaroff. „Es gibt hier nämlich eine Bande, organisiert und geleitet von einem
ehemaligen ungarischen Offizier, welche allen möglichen Verbrechern, kriminellen wie politischen, zur Flucht in die Türkei verhilft. Das Ehepaar Buhl
leistet dabei Zubringerdienste, gegen beträchtliche Bezahlung natürlich. Aber nicht mehr lange, und unser Grenzschutz hat die Banditen dingfest
gemacht. Die Falle ist bereits aufgestellt. Heute nacht schlägt sie zu.”
Zur Ausführung der Tat mußte ein Boot benutzt worden sein, denn Fräulein Böhme,Nichtschwimmerin, war bekleidet angeschwemmt worden. Wer hatte etwas
beobachtet, wer etwas gehört? Nachts waren alle Rettungsboote wie immer ziemlich hoch an Land gezogen, die Riemen entfernt, Hilf smotore, mit denen
einige Boote ausgestattet waren, demontiert worden. Gab es Fischerboote in der Nähe? Wem gehörten sie, konnten sie unbemerkt von Fremden benutzt
werden?
„Es ist doch kaum anzunehmen, daß die Tat tagsüber begangen wurde”, schloß ich.
„Kaum”, bestätigte Major Polaroff. „Dazu sind Strand und Meer bis spätabends viel zu belebt.” Es wäre sinnlos gewesen, über ein mögliches Tatmotiv zu
grübeln. Wir trennten uns. Jeder würde, so machten wir aus, den anderen auf dem laufenden halten.
Während nun die Badegäste eifrig ihren Urlaubsfreuden nachgingen, sich in der Sonne bräunten, im Meer tummelten, abends tanzten, gelegentlich Ausflüge
machten, arbeitete ich nicht weniger eifrig, als sei ich in Berlin im Dienst. Ich glaube, es waren fünfzig oder mehr Gespräche, die ich anknüpfte und
- meist gar nicht zum Vergnügen der Belästigten - zäh und unbeirrbar durchführte. Leider fast durchweg ergebnislos.
Frau Buhl wußte nicht mehr oder wollte nicht mehr wissen, als sie bereits meinem Kollegen Polaroff erzählt hatte. Sie tat, als sei es eine persönliche
Beleidigung, daß sie durch eine zufällige Zimmergefährtin in einen Kriminalfall verwickelt worden war. Sie war eine hübsche, aber kratzbürstige
Kleinbürgerin ohne irgendwelche erkennbaren geistigen Interessen. Nein, Bekannte oder gar Freunde habe sie hier keine. Ob sie, fragte ich, Fräulein
Böhme für einen besonders unternehmungslustigen Menschen gehalten habe. „Ja”, meinte sie gedankenlos, „denn ein anständiges junges Mädchen bleibt doch
nicht nächtelang außer Haus.”
Das Ehepaar Böttcher schilderte Rita Böhme als einen ruhigen, intelligenten Menschen. Sie habe aufmerksam die in der Hotelhalle ausgelegten Zeitungen
gelesen und sich über vieles mit ihnen unterhalten. „Auf uns machte Fräulein Böhme den Eindruck eines wohlunterrichteten Menschen; nicht wahr, Helga?”
Seine Frau bestätigte es lebhaft. „Sie war überhaupt sehr sympathisch. Ich kann mir gar nicht denken, daß da, wie man munkelt, irgendwelche
Männergeschichten mit im Spiel gewesen sein könnten. Fräulein Böhme wirkte, alles in allem, sehr solide.” Ganz ähnlich sagten auch mehrere andere
Badegäste aus; allerdings hatte niemand die Ermordete näher gekannt.
Endlich stieß ich auf eine Spur. Hinter der Schranke des Empfangsraums im Hotel saß eine ältere Frau, die recht gut Deutsch konnte. Sie erzählte mir:
Vor vier Tagen, also kurz bevor Fräulein Böhme verschwunden sei, habe ein Mann nach ihr gefragt und einen Brief - eigentlich sei es nur ein
zusammengefalteter. Zettel mit der Zimmernummer gewesen - für sie abgegeben. Den habe sie Fräulein Böhme ausgehändigt, abends, vor dem Abendessen.
Fräulein Böhme habe das Blatt gelesen, dann aber erstaunt den Kopf geschüttelt und sei gegangen.
„Schien Fräulein Böhme belustigt, betroffen oder aufgeregt?” fragte ich. „Nein, nur erstaunt.” „Und was geschah mit dem Zettel?” „Den stopfte
Fräulein Böhme nachlässig in ihre Hosentasche.”
Ich fragte die Frau, warum sie diese Beobachtung nicht längst der Polizei mitgeteilt habe. Sie zuckte die Achseln. „Am nächsten Tag war ich
dienstfrei, und dann habe ich es vergessen.” Was das für ein Mann gewesen sei? „Ein grauhaariger mit kurzgeschnittenem Bürstenbart , nicht groß, nicht
klein, nicht dick, nicht dünn.” „Gut angezogen?” Daran erinnerte sie sich nicht mehr. Wie er denn gesprochen habe? „Deutsch, aber nicht richtig.”
„Wieso nicht richtig?” „Wie wenn er ein Ausländer wäre.” „Ein Bulgare?” „Nein, das auf keinen Fall.”
Mehr war aus der recht phlegmatischen Frau nicht herauszuholen.
Ich traf mich mit Polaroff, berichtete ihm und machte, da mittags eine IL 18 nach Berlin flog, den Vorschlag, dort Ermittlungen anzustellen und
gegebenenfalls auch Auskünfte von den Plauener Kollegen einzuholen. Natürlich war er damit sehr einverstanden und führte sogleich die erforderlichen
Telefongespräche.
Übrigens konnte auch er mir einiges Neue mitteilen. Es war inzwischen ermittelt worden, daß Frau Buhl noch nie in der Bar des Hotels gewesen war. Man
legte dem Mixer und seiner mitarbeitenden Frau - beide sehr aufgeweckte junge Menschen - Fotos von Fräulein Böhme vor. ,,Auch diese Dame war nie
hier”, erklärten beide sehr bestimmt. Noch durchdenkenswerter war für mich etwas anderes. Fischerboote gab es weit und breit keine, wohl aber lag alle
paar hundert Meter ein Rettungsboot. Von diesen Booten war, nach einhelliger Aussage des zuständigen Personals, bestimmt keines in der Nacht benutzt
worden.
„Da hatte ich nun endlich meinen Erholungsurlaub”, erzählte mir Peter Brückner, „und ich war froh, in der Sonne am Schwarzen Meer zu liegen, eine
Zeitlang nichts zu hören und zu sehen von den Schattenseiten des Lebens. Warna ist herrlich …!” „Aber?” fragte ich, denn ich hörte in seinem letzten
Ausruf deutlich einen Seufzer mitklingen. „Aber - da bemerkte ich, wie in der Nahe des Landestegs viele Badegäste zusammenliefen und in die Brandung
starrten. Es war gegen vier Uhr nachmittags. Etwas trieb heran. War jemand ertrunken? Vielleicht war noch Hilfe möglich. Ich lief hinzu. Aber da gab
es leider nichts mehr zu retten. Der Frauenkörper, der angeschwemmt wurde, war bekleidet, und man brauchte nicht Mediziner zu sein, um zu erkennen,
daß der Tod schon vor Tagen eingetreten sein mußte.
Halt’, sagte ich und hielt sie davon ab, eine laienhafte Untersuchung nach Papieren oder dergleichen zu beginnen. Ich wandte mich an die Badegäste:
,Bitte, treten Sie zurück, und lassen Sie alles so, wie es ist.’ Und zu einem der beiden Bademeister, der Deutsch verstand: ,Rufen Sie die Miliz an.’
Man folgte bereit-willig meinen Anweisungen, obwohl ich - in Badehose wie alle anderen - nicht daran dachte, mich zu legitimieren.
Erstaunlich schnell waren zwei Milizionäre zur Stelle und übernahmen die Sicherung des Fundorts; ebenso erstaunlich schnell trafen die Kollegen der
bulgarischen Kriminalpolizei und der Sanitätswagen ein. Es waren noch keine dreißig Minuten vergangen, als am Goldstrand schon wieder das übliche
Treiben herrschte. Nur die Stelle, wo die Tote angeschwemmt worden war, wurde sichtlich gemieden. Als ich abends beim Essen im Restaurant Kaliakra
saß, kam ein wohlbeleibter, freundlicher Mann an meinen Tisch und stellte sich vor: ,Major Polaroff’. Ein bulgarischer Kollege. Er habe in meinem
Hotel erfahren, wer ich sei; man habe ihn beauftragt, mich zu fragen, ob ich trotz meines Urlaubs bereit sei, an der Aufklärung des Falls
teilzunehmen. Die Tote sei nämlich als Bürgerin der DDR identifiziert worden, und wahrscheinlich würde ich gewisse Zusammenhänge schneller und
zuverlässiger erkennen und aufdecken können.
Zusammenhänge?’ fragte ich erstaunt. ,Ist denn die Frau nicht einfach ertrunken? Kein Unglücksfall?’ ,Nein. Der ärztliche Befund - Zustand der Lunge
und einige Anzeichen am Körper - hat ergeben, daß die Frau gewaltsam unter Wasser gedrückt, also ermordet wurde.’
Urlaub hin, Urlaub her, natürlich sagte ich meine
Unterstützung zu.
Polaroff zog sein Notizbuch. ,Bisher haben wir folgendes festgestellt’, sagte er. ,Es handelt sich umdie siebenundzwanzigjährige Rita Böhme
ausPlauen, Chefsekretärin in einer volkseigenen Textilfabrik, vor acht Tagen als sogenannte Einzelreisende, also nicht mit einer Gruppe, eingetroffen.
Ihr Hotelzimmer, Nummer dreihundertfünfundzwanzig, teilte sie mit der ihr bis dahin unbekannten DDR-Bürgerin Rita Buhl, zweiunddreißig Jahre alt,
Ehefrau eines Gaststätteninhabers in Berlin-Pankow. Die beiden Frauen haben nur wenig miteinander gesprochen. Nun ja, Sie wissen doch, wie das so ist
in einem Badeort: Man kommt eigentlich nur nachts zum Schlafen ins Zimmer, tagsüber geht jeder seinen Neigungen nach.’ Ich nickte. Dann fragte ich:
,Die beiden hatten sich also nicht, wie das doch gewöhnlich geschieht, gemeinsam einen Sonnenschirm am Strand gemietet?’ ,Nein. Fräulein Böhme hatte
sich schon während der Herfahrt einem Ehepaar angeschlossen, einem Dresdner Chemiker und seiner Frau; Böttcher heißen die Leute. Frau Buhl aber blieb
für sich, fuhr zweimal nach Warna, dann nach Nessebar und einmal per Flugzeug nach Sofia, wo sie einen Tag lang blieb. Sie hatte sich nämlich gleich
am ersten Tag einen Sonnenbrand geholt und mied deshalb den Strand.’ Ich dachte kurz nach. ,Trotzdem ist es auffallend’, sagte ich, ,daß Frau Buhl
niemand benachrichtigte, als ihre Zimmergefährtin zwei Nächte lang nicht erschien. Ebenso wundert mich, daß dem Ehepaar Böttcher nichts auffiel.’
,Doch, den Böttchers ist es schon aufgefallen, daß ihre junge Bekannte nicht mehr zu dem gemeinsamen Liegeplatz kam; aber schließlich, so sagen die
beiden aus, hätten sie angenommen, Fräulein Böhme habe gute Bekannte oder Freunde gefunden und sich denen angeschlossen, vielleicht wolle sie auch aus
einem hygienischen Grund oder wegen der starken Brandung nicht baden. Die Ermordete war nämlich Nichtschwimmerin. - Frau Buhl, ihre Gefährtin von
Nummer dreihundertfünfundzwanzig, die ich ebenfalls ausführlich vernahm, war ärgerlich. Sie kümmere sich grundsätzlich nicht um das
Privatleben anderer Leute, sagte sie, und schon gar nicht um das völlig fremder. Sie habe angenommen, Fräulein Böhme sei mit irgendwelchen
Einheimischen bekannt oder befreundet und habe außerhalb geschlafen.’ Ich schüttelte den Kopf. ,Sagte Frau Buhl, wie sie zu dieser immerhin
etwas sonderbaren Annahme komme?’
,Ja, sie habe Fräulein Böhme gleich am ersten Abend in der kleinen Hotelbar zusammen mit zwei jungen Bulgaren gesehen. Auf meine Frage, in welcher
Sprache sie sich mit ihnen unterhalten habe, antwortete sie, das habe sie wegen der lärmenden Musik nicht hören können, aber sie habe den Eindruck
gehabt, daß Fräulein Böhme mit den beiden Männern sehr befreundet gewesen sei und sie einander mühelos verstanden hätten. Die Personenbeschreibung,
die sie von den jungen Bulgaren gab - wenn es überhaupt welche waren -, war sehr allgemein, durchaus nichtssagend.’
Ich schlug dem Kollegen Polaroff folgende Arbeitsteilung vor: Ich würde unter den deutschen Badegästen nach Anhaltspunkten und Verdachtsmomenten
forschen; er und seine Mitarbeiter sollten sich nicht zuletzt unter dem bulgarischen Hotelper sonal, den Kellnern, Bademeistern und den
Strandarbeitern, um Aufklärung des Falls bemühen.”
Ohne daß er es bemerkte, folgte ihm seine Tochter. Willbrod stopfte den Briefumschlag unter den größten Stein und kehrte um. Nach etwa sechzig Metern
- an der Stelle, wo Lorenz das Feuerzeug gefunden hatte - hörte er plötzlich jemand den Pfad heraufkommen. Er warf sich seitab hin und kroch unter
einen Busch. Aber es war nicht der Erpresser, sondern Jutta, die an ihm vorbei nach oben lief. Willbrod blieb liegen und wartete. Nach seiner
Schilderung muß dieses Warten furchtbar gewesen sein. Was würde er an tief Beschämendem erleben müssen? Nach etwa einer Viertelstunde hörte er auf dem
Plateau seine Tochter schreien, es war unverständlich, die Stimme überschlug sich. Von der Antwort verstand Willbrod nur: „Miststück verdammtes!” Dann
ein kurzer Aufschrei Juttas und plötzliche Stille.
Willbrod hastete den Pfad hinauf, doch als er atemlos oben ankam, war niemand dort. Seine Tochter kam nicht mehr heim. „Es war kein Selbstmord”,
schloß Willbrod. „Er hat Jutta in den See gestoßen und ist geflohen.”
Brückner mußte Willbrod erst drohen, ihn wegen Mordverdachts festnehmen zu lassen, bevor er ihm das Foto aushändigte; er mußte ihm klarmachen, daß andernfalls der von ihm gefürchtete Skandal unausbleiblich sei.
Das Pornofoto wurde im Kriminalistischen Institut von Sachverständigen untersucht. Sie konnten jedoch nicht zuverlässig feststellen, ob es sich um
eine sehr geschickt ausgeführte und meisterhaft retuschierte Montage handelte, da der Blütenzweig die sonst wahrscheinlich einzig erkennbare
Klebestelle in der Halsgegend verdeckte. Aber der Erpresser hatte, wie die meisten Verbrecher, die technischen Möglichkeiten der modernen
Kriminalistik unterschätzt. Allerdings mußte der Körper Juttas exhumiert und eine Röntgenaufnahme des Knochengerüsts in der gleichen Stellung wie auf
dem Foto gemacht werden. Der Röntgenfilm wurde über das Foto gelegt. Die Beine der nackten Frau waren länger, Becken und Rippenpartie breiter als bei
Jutta. Der Tatbestand einer Fotomontage war erwiesen.
Willbrod weinte hemmungslos, als man es ihm mitteilte. „Der Nachweis wäre viel leichter und vor allem rechtzeitig zu führen gewesen”, sagte Brückner,
„wenn Sie sofort, als die Erpressung begann, Vertrauen zu uns gehabt hätten. Sie werden sehen, wie schnell wir jetzt den Schuldigen ermitteln.”
Brückner hatte recht. Der Erpresser mußte die personellen Verhältnisse in Lunzau gut kennen, konnte also nicht weit entfernt zu suchen sein. In dem
nahen Städtchen gab es nur einen Berufsfotografen, und die Montage war zweifellos die Arbeit eines versierten Fachmanns.
Herr Otto Fuhrmann hatte wenig zu tun: Paßbilder, Aufnahmen von Hochzeiten und Jugendweihen, meist aber nur Entwickeln und Kopieren von
Amateuraufnahmen. (Auch Jürgen Frisch hatte ihn einmal einige Schnappschüsse von Jutta vergrößern lassen.) Kurz, Herr Fuhrmann verdiente schlecht. Vor
zehn Jahren war er, ziemlich undurchsichtig begründet, aus Wuppertal zugewandert; dort hatte er in der Industrie als Werbefachmann gearbeitet. Die
Ermittlungen der Volkspolizei ergaben, daß Fuhrmann oft nach Berlin fuhr, dort eine kostspielige Freundin aushielt und auch sonst weit über seine
Verhältnisse lebte. Eine Hausdurchsuchung förderte, neben mehreren Filmen mit pornographischen Aufnahmen und anderem Belastungsmaterial, noch Beweise
für vier weitere Fälle von Erpressung zutage. Wahrscheinlich gab es aber noch weitere.
Becker und Lorenz forschten im Dorf intensiv nach anderen Verdächtigen. Sie entdeckten keinen. Die meisten Einwohner kannten natürlich Jens Willbrod
und Jutta Frisch. Sie nannten Jutta freundlich und fröhlich, ihren Vater schweigsam, fleißig und tüchtig. Befreundet war niemand mit ihnen. Ein
Bäckermeister und der Förster besuchten Willbrod gelegentlich in seinem Häuschen, um mit ihm Schach oder, wenn sie zu dritt waren, Skat zu spielen.
Ihre Aussagen waren sehr positiv, nur der Förster schränkte die seine ein wenig ein: „Willbrod kann manchmal sehr jähzornig sein”, und der
Bäckermeister fügte hinzu: „Eine Schwäche hat der arme Jens, er renommiert gern ein bißchen mit der hohen Stellung seines Schwiegersohns.”
Ein Maurer, mit dem Willbrod beruflich viel zu tun hatte, wollte bemerkt haben, daß der ohnehin wortkarge Dachdeckermeister seit etwa einem halben
Jahr noch schweigsamer geworden sei. „Mir schien, ihn bedrückte etwas.” Damit war natürlich, selbst wenn es stimmte, kaum etwas anzufangen. „Ich mußte
also”, erzählte mir Peter Brückner später, „trotz allen menschlichen Verständnisses Jens Willbrod noch einmal gründlich vernehmen.” „Und?” fragte ich
gespannt.
„Er wurde, als ich nach seinem Feuerzeug fragte, auffallend erregt, stammelte er. Ich legte es auf den Tisch. ,Wissen Sie, wo
wir es gefunden haben?’ Tonlos antwortete er: ,Ich kann es mir denken.’ Unbarmherzig fuhr ich fort: ,Sie haben es in der Nacht verloren, als Ihre
Tochter … verunglückte.’ Er nickte wortlos; sein Gesicht war erschreckend bleich geworden. ,Wollen Sie sich nicht offen mit mir aussprechen?’ fragte
ich behutsam. ,Ich verstehe’, erklärte ich, ,daß Sie sich vor einem … nun, sagen wir, Skandal fürchten. Aber der wird nur größer und
verhängnisvoller, wenn Sie weiter schweigen.’ Der Mann, wie er so dasaß und offensichtlich mit sich kämpfte, war mitleiderregend. ,Erleichtern Sie Ihr
Gewissen’, riet ich ihm. Da stand er schwerfällig auf, stapfte zu seinem Schreibtisch, öffnete eine Lade und brachte mir eine Fotografie. ,Ich wurde
seit sieben Monaten erpreßt’, sagte er heiser. Jedesmal um vierhundert Mark, und das letzte Mal waren es sechshundert.’ Das Bild zeigte eine nackte
Frau, die lachend einen Blütenzweig emporhob. Die Stellung des Körpers war betont sexuell aufreizend. ,Ihre Tochter?’ fragte ich. Willbrod senkte den
Kopf. ,Ja, meine Jutta.’ Aber auf dem Foto war noch etwas zu sehen: links unten im Vordergrund die angeschnittene Silhouette eines männlichen
Oberkörpers, ebenfalls nackt. Ein wilder Vollbart und lange Haare. Nun, Sie kennen ja solche Typen.”
Brückner hat mir nach Abschluß des Falls gestattet, seinen Notizen über die weiteren Aussagen Willbrods das Wesentlichste zu entnehmen. Als der in
seine Tochter vernarrte Vater das Foto mit dem ersten erpresserischen Begleitbrief erhielt, war er entsetzt. Er schämte sich seiner Tochter so sehr,
daß er es nicht über sich brachte, mit ihr, deren moralische Sauberkeit er bis dahin für unantastbar gehalten hatte, über das obszöne Foto (das mit
einer harmlosen Aktaufnahme nichts zu tun hatte) auch nur andeutungsweise zu sprechen. Wie viele andere, die erpreßt werden, scheute er sich leider,
das einzig Vernünftige zu tun: sich sofort einer geeigneten Stelle unserer Volkspolizei anzuvertrauen. Er wußte nicht, mit welcher Diskretion solche
Fälle behandelt, Erpresser meist schnell entdeckt und unschädlich gemacht werden. Wie ein Alpdruck lastete auf ihm die fortwährende Furcht, der
Erpresser könne seine Drohung wahrmachen und die Aufnahme an ein westliches Skandalblatt schicken. Er sah die Unterschrift so oder ähnlich vor sich:
„Jutta, die Ehefrau des bekannten Spitzenfunktionärs der ostzonalen SED Jürgen Frisch!”
Willbrod zahlte und zahlte, sein Konto schmolz zusammen, und zuletzt forderte der Erpresser monatlich zweihundert Mark mehr; demnächst würde er (wie
es erfahrungsgemäß fast immer geschieht) seine Forderung noch mehr steigern und, wenn Willbrod ausgeplündert war, dennoch mitleidlos zuschlagen. Jens
Willbrod sah keinen Ausweg mehr. Endlich entschloß er sich, seiner Tochter das Foto zu zeigen und von ihr Rechenschaft zu verlangen. Jutta begriff
nichts. Empört stritt sie alles ab. Ob sich ihr Vater derart Schmutziges von ihr überhaupt vorstellen könne? Willbrod, zutiefst enttäuscht und
verletzt, hätte Jutta beinahe geschlagen, als sie nun auch noch behauptete, das Foto müsse eine Fälschung sein.
Der Erpresser hatte eine bestimmte Stelle auf dem Plateau angegeben, wo das Geld in einem Briefumschlag unter einen Stein deponiert werden sollte.
Jutta erklärte impulsiv, sie werde statt ihres Vaters hinaufgehen, um den Verbrecher zu stellen, und wenn sie die ganze Nacht auf ihn lauern müsse.
„Du kennst ihn doch!” schrie Willbrod mit bitterer Ironie. „Oder hast du dich von verschiedenen Fotografen so schweinisch aufnehmen lassen?” Zornig
schlug er die Tür zu und machte sich mit dem Geld auf den Weg.
Jürgen Frisch hatte sie drei Jahre zuvor während eines Urlaubs in dem abgelegenen Dorf am See kennengelernt, sich in sie verliebt und sie kurz danach
geheiratet. Übereinstimmend sagten alle Befragten, die Ehe sei sehr gut, geradezu vorbildlich gewesen. Auch Brückner hatte, als er mit Jürgen Frisch
sprach, den gleichen Eindruck gewonnen. Obwohl sich der Mann mit großer Selbstdisziplin beherrschte, sich beinahe zu sachlich gab, erkannte der
erfahrene Kriminalist, welch tiefer Schmerz sich hinter der scheinbaren Sachlichkeit verbarg. „Ein Selbstmord ist undenkbar” erklärte Frisch bestimmt.
„Es gibt kein Motiv. Jutta muß ermordet worden sein. Doch auch dafür sehe ich, trotz allen Grübeins, erst recht keins. Es sei denn, ein
Sittlichkeitsverbrecher …”
„Nein”, unterbrach ihn Brückner. „Dafür gibt es nicht das geringste Anzeichen. Darf ich Sie fragen, wie die Stimmung Ihrer Frau in letzter Zeit war?”
„Sehr gut. Sie freute sich auf den Urlaub in Lunzau. Jutta war, als wir uns verabschiedeten, fröhlich. Sie bedauerte nur, daß wir nicht zusammen
fahren konnten, weil ich wieder einmal dienstlich unabkömmlich war.”
„Noch eine Frage: „Ausgezeichnet. Er ist ein einfacher Mann.” Jürgen Frisch lächelte müde. „Er sieht in mir ein hohes Tier, und Sie wissen ja, wie das in so einem Dorf
ist: Man lebt dort noch zum Teil in veralteten Begriffen von guter Partie und so weiter.”
Becker und Lorenz untersuchten den Tatort, während
Brückner den Vater Juttas befragte.
Jens Willbrod war immer noch stark deprimiert, nahezu lethargisch. Nur zwischendurch antwortete er unbestimmt, wenn nicht wirr. Eine dieser
spontanen Äußerungen war sonderbar: „Es durfte keinen Skandal geben, ich mußte unbedingt den Skandal verhindern.” „Was für einen Skandal?” fragte
Brückner aufhorchend.
„In Berlin”, antwortete Willbrod. „Jürgen …” Er brach ab und machte eine Geste, als müsse er etwas Unbedachtes, über das er nachträglich erschrak,
fortwischen. Er versank wieder in seine depressive Teilnahmslosigkeit.
Becker, der mit Lorenz das Felsplateau zentimeterweise abgesucht hatte, brachte mittags einen schweren Steinbrocken mit. „Die erste Untersuchung ist
leider von unseren hiesigen Mitarbeitern unsachgemäß vorgenommen worden”, sagte er. Zweifellos sind dort auch später noch Neugierige herumgelaufen,
Fußspuren waren auf dem harten Boden ohnehin nicht zu erwarten. Einige abgeknickte dünne Zweige an einem Wacholderbusch und zertretene Büschel von
abgeblühter Erika lassen keine verwertbaren Schlüsse zu. Dieser Steinbrocken könnte der Form und dem Gewicht nach als Schlagwerkzeug benutzt worden
sein. Wir haben die Fundstelle für alle Fälle gekennzeichnet.”
„Gut”, sagte Brückner. „Schicken Sie das Fundstück sofort nach Berlin, und lassen Sie es im Institut untersuchen. Blutspuren werden darauf zwar kaum
zu finden sein, aber vielleicht ein Haar oder dergleichen, falls nicht ein ähnlicher Steinbrocken als Tatwerkzeug in den See geworfen wurde.”
Lorenz legte ein anderes Fundstück auf den Tisch: ein Taschenfeuerzeug mit Gasfüllung. Allerdings hatte es etwa sechzig Meter vom Tatort entfernt
(wenn das Plateau überhaupt der Tatort war) am Rand des Pfads gelegen, der zu dem Plateau hinaufführte. Brückner nahm sogleich Fingerabdrücke von dem
spiegelglatten Metall. „Damit wir nichts versäumen”, ordnete er an, „schicken Sie auch diese Abdrücke nach Berlin, obwohl kaum zu erwarten ist, daß
sie registriert sind. Aber man kann nie wissen.” Becker nickte.
„Und Sie, Genosse Leutnant”, wandte er sich wieder an Lorenz, „hören mal im Dorf herum, ob jemand den Besitzer des Feuerzeugs kennt. Das Ding müßte
eigentlich aufgefallen sein, denn Gasfeuerzeuge dieser Art werden bei uns erst in letzter Zeit und noch in relativ geringer Anzahl in den Großstädten
angeboten.”
Schon am nächsten Morgen konnte Lorenz melden: „Herr Willbrod ist der einzige im Dorf, der ein solches Feuerzeug besaß; er hat es oft herumgezeigt.
Ein Geschenk seines Schwiegersohns.” Becker meldete: „An dem Fundstück keine Blut- oder Haarspuren. Fingerabdrücke vom Feuerzeug nicht in der
Kartothek der Vorbestraften.” „Was zu erwarten war”, antwortete Brückner. Nun hatte aber trotzdem der Fund des Feuerzeugs keinerlei Beweiskraft. Es
konnte von Willbrod an jedem beliebigen Tag, zu jeder Tages- und Nachtzeit verloren, etwa mit einem Taschentuch herau sgerissen worden sein.
Derart überführt, versuchte er gar nicht erst zu leugnen, daß er der Fahrer beim Raub der Lohngelder gewesen war. Er gab auch ohne viel Ausreden zu,
daß sich die ganze Bande verabredungsgemäß diszipliniert unauffällig verhalten habe, um sich erst nach der Haftentlassung „Massis” die Beute zu
teilen. Mit Münther bestand keine Verbindung. Auf Brückners Frage, ob Kanthaak den Betriebsschutzmann erschlagen habe, zuckte Kitzbeck die Achseln und
fragte: „Wer soll’s denn sonst gewesen sein?”
Thomas Kanthaak wurde blaß, als er, zur Vernehmung vorgeführt, das Tatwerkzeug auf Brückners Schreibtisch liegen sah. „Na, Massi”, fragte Brückner,
„wollen Sie noch länger Theater spielen?” Thomas Kanthaak senkte den Kopf:
Als die zweiundzwanzigjährige Jutta Frisch am frühen Morgen immer noch nicht heimgekommen war, suchte ihr Vater, der Dachdeckermeister Jens Will-brod,
die örtliche Polizeidienststelle auf. Er war sehr erregt. Was er erzählte, war ziemlich verworren; mehrmals rief er ohne rechten Zusammenhang: „Sie
hat sich das Leben genommen!” Die beiden Volkspolizisten hatten wenig Erfahrung, denn Lunzau war ein stilles Dorf, noch nicht als Kurort erschlossen,
obwohl es in waldiger Umgebung an einem klaren, von Felsen umsäumten Bergsee lag. Bemerkenswerte Kriminalfälle waren hier seit über zwanzig Jahren
nicht vorgekommen. Jens Willbrod, Witwer, achtund vier zig Jahre alt, war als Handwerker in der neun Kilometer entfernten Kleinstadt und in zwei näher
gelegenen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sehr geschätzt. Man vermutete also, daß er, der sehr fleißig war und sparsam lebte, über
ein ansehnliches Konto in der Bank oder Sparkasse verfügte. Auf seine Tochter Jutta, die ihn alljährlich für einige Wochen zu besuchen pflegte, meist
ohne ihren vielbeschäftigten Mann, war Jens Willbrod ungewöhnlich stolz. Nicht nur, weil sie, die er seit dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren allein
erzogen hatte, auffallend schön und klug war, sondern auch - wodurch er sich, ohne daß er’s zugegeben hätte, besonders geschmeichelt fühlte -, weil
eine weithin bekannte Persönlichkeit sie geheiratet hatte: Jürgen Frisch, dessen außenpolitische Aufsätze im Zentralorgan der Partei und dessen
lebendige Fernseh- und Rundfunkansprachen auch im Westen stark beachtet und häufig polemisch kommentiert wurden. Der gewöhnlich wortkarge
Dachdeckermeister wurde beredt, wenn er von seiner Tochter Jutta und deren Mann sprach. Man verstand deshalb seine Aufregung, als er die
Vermißtenanzeige erstattete. Seinen Ausruf, die Tochter habe Selbstmord begangen, nahm man hin als verständliche Befürchtung eines allzu besorgten
Vaters. Verdacht schöpfte man noch nicht. Das geschah erst drei Tage später.
Da wurde die Leiche Juttas im See zwischen einigen herausragenden Felszacken gefunden. Die junge Frau mußte sich, wenn überhaupt Selbstmord vorlag,
von einem drahtumzäunten, mit allerlei Buschwerk bestandenen Plateau aus etwa achtzehn Meter Höhe hinabgestürzt haben.
Doch schon der Arzt, der aus dem nahen Städtchen zum Ausstellen des Totenscheins herbeigerufen worden war, fand auf dem Hinterkopf unter dem dichten
schwarzen Haar eine Fraktur der Schädeldecke, die allerdings auch während des Sturzes durch Aufschlagen gegen einen vorstehenden Felszacken entstanden
sein konnte. Ihm jedoch erschien das verdächtig, und der Leichnam wurde deshalb in das Kriminalmedizinische Institut nach Berlin übergeführt.
Meister Willbrod war nicht mehr wiederzuerkennen. Er hockte tatenlos in seinem Häuschen und starrte stundenlang mit blassem, verzerrtem Gesicht ins
Leere, man hätte ihn, der schon von Berufs wegen den Alkohol mied, für schwer berauscht halten können.
So war der Stand der Dinge, als Brückner und seine beiden Mitarbeiter mit der Klärung des Falls beauftragt wurden.
Das kriminalmedizinische Gutachten deckte sich mit dem Befund des Arztes, nur war hinzugefügt, daß die schwere Kopfverletzung auch von einem Schlag
mit einem kantigen Stein herrühren könne; die dichte Haardecke lasse jedoch keine präzisere Feststellung zu. In der Lunge waren Kieselalgen gefunden
worden, was beweise, daß der Tod erst unter Wasser eingetreten war, obwohl die Kopfverletzung allein genügt hätte, ihn herbeizuführen.
Noch vor der Abreise von Berlin hatte Brückner den Ehemann befragt, während Becker und Lorenz sehr diskret private Lebensumstände erkundeten. Jürgen
Friseh, für seine verantwortungsvolle Position noch verhältnismäßig jung (eben dreißig Jahre alt), ging in seiner Arbeit auf und war vor kurzem mit
einem Orden ausgezeichnet worden. Seine Frau Jutta, ehrenamtlich in einer Massenorganisation arbeitend, sollte demnächst ihr Fernstudium in
Politökonomie abschließen. Alle, die sie kannten, sprachen mit Hochachtung von ihr.
„Mit einigen hunderttausend Eiern im Kasten”, sagte Brückner sinnend, „kann ich mir nur schwer vorstellen …” Jedenfalls schien die Spur Kitzbeck
tot, mausetot, und unsere Freunde waren nah daran, sie fallenzulassen. Da stieß Becker bei neuerlicher Aktendurchsicht und dem Stöbern in seinen
Notizen auf etwas zunächst Belangloses; doch sein Computergehirn (wie Lorenz es oft im Scherz nannte) registrierte nahezu unbewußt, jedenfalls nur
beiläufig, daß Rosemarie Kitzbeck und „Massis” neue Errungenschaft aus dem Kino, die unauffällig und bescheiden dahinlebende Witwe Lore Otterbach,
gleichaltrig und beide in Berlin-Pankow geboren waren. Wohl kaum ein anderer als Becker hätte sich über einen solch belanglosen Zufall Gedanken
gemacht. Er jedoch ließ nie auch nur die blasse Andeutung einer möglichen Spur außer acht. Es wäre also möglich, wenn auch kaum wahrscheinlich,
folgerte er, daß die beiden Frauen einander kennen, womöglich von der Schule her, jedenfalls kann’s nicht schaden und kostet wenig Aufwand, dies
nachprüfen zu lassen. Beckers Vermutung traf zu: Die beiden Mädchen hatten zusammen die Schule besucht, sie waren sogar Klassenkameradinnen gewesen.
Aber was besagte das schon? So gut wie nichts. Die unauffällige Befragung einiger ehemaliger Mitschülerinnen, Nachbarn und eines pensionierten Lehrers
ergab jedoch mehr und vielleicht Bedeutungsvolleres: Rosemarie und Lore waren jahrelang, auch noch nach der Schulzeit, eng befreundet gewesen, bis
Rosemarie Pauder als Siebzehnjährige die Geliebte Kanthaaks wurde. Da bekam
die Freundschaft einen plötzlichen Knacks. Lore, mit der Kanthaak zuvor ebenfalls anzubandeln versucht habe, so erzählten zwei ehemalige
Mitschülerinnen, sei über „die Gemeinheit” ihrer bis dahin besten Freundin tief empört gewesen. Sie habe ihre zornige Eifersucht auch keineswegs für
sich behalten. Die langjährigen Busenfreundinnen grüßten einander zuletzt nicht mehr. Konnte das Theater gewesen sein?
Lorenz lag schon im Bett, als Kanthaak gegen dreiundzwanzig Uhr von einem Besuch seiner Geliebten heimkam. Seine Überwachung außerhalb des Betriebs
hatte ein anderer Kriminalist übernommen, da dies unauffälliger geschehen konnte und Brückner den tagsüber körperlich schwer arbeitenden Lorenz nicht
zusätzlich belasten wollte. Lorenz tat, als schlafe er fest. Kanthaak kleidete sich, um ihn nicht zu wecken, ohne die Beleuchtung einzuschalten, aus,
zumal von draußen ein Lichtschein durchs Fenster fiel.
Da hörte Lorenz ein leises Rascheln wie von fallendem Papier. Als Kanthaak zu schnarchen begann, sah er sich aufmerksam um. Auf dem Fußboden, dicht
neben seinem Bett, schimmerte etwas Weißes. Er tastete behutsam mit den Zehen danach und zog es heran. Es war ein nachlässig zusammengefalteter
Zettel. Vielleicht die Mitteilung eines Komplizen? Lorenz steckte das Papier eilig in die Tasche seines Pyjamas. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß
Kanthaak wirklich fest schlief, eilte er in die Toilette.
Enttäuscht sah er dort, daß das Blatt nur ein gewöhnlicher Fahrplan der Weißen Flotte war. Die Abfahrtszeit eines der zahlreichen regelmäßig
verkehrenden Motorschiffe- - „17,30 Uhr” - hatte jemand flüchtig mit Kugelschreiber angehakt und davor ein „Do” gekritzelt. Also Donnerstag, sagte
sich Lorenz, das wäre morgen. Wahrscheinlich wollte Kanthaak mit seiner lustigen Witwe eine kleine Spritztour unternehmen. Nein, da unten am Rand des
Blattes stand etwas, das dem widersprach: „Restaurant 120 lks. Preisskat.” Jetzt allerdings war der Kriminalist Lorenz plötzlich hellwach. Das Blatt -
es wirkte auf ihn wie ein Kassiber, den Frau Lore übermittelt hatte. Was konnte „120 lks” bedeuten? Vielleicht 120 Meter links vom Anlegeplatz der
Weißen Flotte? Dort gab’s vermutlich ein Restaurant. Na schön. Und Preisskat? Ach so, ja, Kanthaak war ein eifriger Spieler, er hatte die Notiz wohl
selbst auf den Fahrplan gekritzelt. Ob Kanthaak auf einen Preis hoffte? Preis, Preis … Preisverteilung …, „spann” Lorenz, und wie schon so manches
Mal schlug bei ihm jäh der Blitz ein: Die Preise, die bei diesem „Skat” verteilt werden sollten - das waren die Anteile aus dem Lohnraub! Ins Zimmer
zurückgekehrt, steckte Lorenz den Zettel vorsichtig in Kanthaaks Rocktasche. Am Morgen meldete er sich krank und fuhr, kaum daß Kanthaak das Zimmer
verlassen hatte, ins Polizeipräsidium. Es war noch nicht ganz achtzehn Uhr, als sich Brückner die Verhafteten nacheinander zur Vernehmung vorführen
lassen konnte.
Eberhard Böttcher war nicht dabei, er hatte mit der Sache tatsächlich nicht mehr zu tun, als bereits gerichtsnotorisch war. „Massis” Freundin Lore,
die sich nach wohlüberlegtem Plan vor drei Jahren demonstrativ von Rosemarie Pauder getrennt und sich weiterhin konsequent von ihr ferngehalten hatte,
war die unverdächtige Botin zwischen „Massi” und Rosemarie Kitzbeck geworden. Brückner ließ beide in Untersuchungshaft abführen. Die Hausdurchsuchung
bei Kitzbecks zeitigte ein erfreuliches Ergebnis: Rund 400000 Mark, im Lauf der Jahre geschickt und unauffällig gegen solche Banknoten umgetauscht,
die mit ziemlicher Gewißheit nicht so bald aus dem Verkehr gezogen werden würden, fanden sich, flach gebündelt, hinter einer eingeschweißten
Zwischenwand in Siegfried Kitzbecks EMW-Kombi.
Vielleicht war jedoch eine zweite lebendiger? Was war inzwischen aus Eberhard Böttcher geworden? Nach Verbüßung seiner einjährigen Strafe war ihm
wunschgemäß Arbeit auf einem volkseigenen Gut bei Berlin vermittelt worden. Brückners mehrfache, unauffällige Anfragen ergaben, daß Böttcher zwar
nicht zu den Fleißigsten gehöre, sich aber auch nichts zuschulden kommen lasse. Er sorge pflichtgemäß für seine Frau und ein Kind. Nach seiner
Haftentlassung war er eine Zeitlang besonders aufmerksam beobachtet worden, um festzustellen, ob er vielleicht durch verdächtige Geldausgaben
auffalle. Nein, er lebte offenkundig von dem, was er verdiente. Manchmal machte er sogar geringfügige Schulden. Hauptmann Brückner und seine beiden
Mitarbeiter hatten sich schon während der Ermittlungstätigkeit vor dem Prozeß ein Bild von diesem Mann gemacht. Eberhard Böttcher war nicht besonders
klug, wenn auch manchmal schlau. Dennoch hätte er, falls nach dem Raub eine größere Summe in seinen Händen geblieben wäre, nicht anderthalb Jahre oder
länger gezögert, sie anzugreifen, denn er trank gern und liebte Glücksspiele. Man durfte demnach als ziemlich gewiß annehmen, daß Böttchers Aussage
vor Gericht gestimmt hatte, er habe damals nichts von der Beute erhalten, weil es Joachim Münther gelungen sei, sich damit, ehe er gefaßt werden
konnte, nach dem Westen abzusetzen.
„Massi” schien gleicher Ansicht zu sein. Er versuchte gar nicht erst, mit seinem ehemaligen Komplizen zusammenzutreffen. Er schrieb Böttcher lediglich
ein paar Zeilen, in denen er ihm seine Haftentlassung mitteilte. „Entschuldige, lieber Hardi”, schrieb er, „daß ich dich damals mit in die Tinte
gebracht habe.”
Die Fotokopie des Briefchens lag vor Brückner auf dem Schreibtisch.
Kanthaak schloß mit den Worten: „Ich will jetzt versuchen, mein großes Unrecht wiedergutzumachen. Von dir, lieber Hardi, nehme ich dasselbe an. Es
grüßt dich herzlich dein ehrlich gewordener
Massi”.
Brückner runzelte die Stirn, als er diese kitschigen Phrasen las. Er ordnete an, zu beobachten, ob Böttcher auf diesen Brief antworten oder versuchen
würde, persönlich die Verbindung mit Kanthaak aufzunehmen. Das geschah nicht. Im Zementwerk paßte Lorenz auf. Da er gleichzeitig mit Kanthaak, der ihn
vordem nie gesehen hatte, als Hilfsarbeiter eingestellt worden war, schien es natürlich, ja fast selbstverständlich, daß er zusammen mit ihm im selben
Raum der Wohnbaracke untergebracht wurde.
Nach Feierabend schimpfte er wie ein Rohrspatz auf die schwere, staubige Arbeit beim Überholen einer Kugelmühle. Er fragte Kanthaak kaum etwas,
erzählte aber in seiner lustigen, flotten Art desto mehr Erfundenes von sich.
„Massi” vertraute ihm schließlich so sehr, daß er inm schon nach zwei Wochen gestand, „wegen einer dummen Sache eingebuchtet gewesen” zu sein. „Mein
Gott, jedem kann mal was passieren”, antwortete Lorenz großzügig und zeigte sich nicht neugierig auf Einzelheiten,
Thomas Kanthaak tat murrend seine schwere, staubige Arbeit. Abends trank er, meist sogar zusammen mit seinem jungen Zimmergefährten, ein paar Glas
Bier, spielte Skat, ging dann und wann ins Kino. Er erhielt weder Post, noch schrieb er. Nach etwa drei Wochen traf er sich öfter mit einer jungen
Witwe, die er beim Verlassen des Kinos angesprochen hatte. Seine Geldausgaben hielten sich weiter in mäßigen Grenzen, er lebte sogar sparsam. „Ich
glaube nicht”, sagte Lorenz, als er sich zur verabredeten Berichterstattung mit Brückner traf, „daß wir so weiterkommen.”
Während die beiden noch überlegten, ob es zweckmäßig sei, die zeit- und kraftraubende Beobachtung Kanthaaks fortzusetzen, kam Becker hinzu. Wortlos
legte er Brückner einen Zeitungsausschnitt auf den Tisch. Zu Beckers Aufgaben gehörte es, jeden Tag eine Umlaufmappe mit Meldungen, Notizen, Kriminal-
und Gerichtsberichten westdeutscher und Westberliner Blätter durchzusehen. Er tat das, wie alles, stets sehr gewissenhaft, obwohl dabei ganz selten
etwas Nutzbares zu finden war. Diesmal war es anders.
Der Ausschrritt stammte aus einer Essener Zeitung. Brückner las: „Der Polizei gelang es, zwei Einbrecher festzunehmen, als sie dem bekannten
Juweliergeschäft Brack & Söhne in der Hansastraße einen nächtlichen Besuch abstatteten. Es handelt sich um den siebenunddreißigjährigen Max Seh., von
Beruf angeblich Manager, und den angeblichen Industriekaufmann Joachim M. (56). Letzterer ist vor drei Jahren aus der Ostzone zugewandert; ein
Eisenwarenladen, den er mit geringfügigem Anfangskapital eröffnet hatte, stürzte M. in Schulden, so daß er Konkurs anmelden mußte. So geriet er auf
die schiefe Bahn und wurde, verleitet von Seh., zum Einbrecher. Max Seh. ist bereits mehrfach vorbestraft.” „Da es sich um eine rein kriminelle
Angelegenheit handelt”, berichtete Becker, „veranlaßte ich einen Fernspruch nach Essen. Die Antwort kam, was sonst selten geschieht, sehr schnell:
Joachim M. ist identisch mit unserem Joachim Münther.” „Er hat also die geraubten Lohngelder nicht mitnehmen können!” rief Lorenz aufgeregt. „Sonst
hätte er nicht mit seinem Laden Pleite gemacht. Die geraubten vierhunderttausend Mark müssen also immer noch irgendwo bei uns versteckt sein.”
„Richtig, aber wo?” brummte Brückner. „Und wer versteckte sie? Kanthaak und Böttcher wurden knapp eine Viertelstunde nach dem Einbruch verhaftet; sie
hatten weder Zeit noch Gelegenheit, eine derart umfangreiche Beute sicherzustellen.” „Es bleiben uns also”, folgerte Becker, „nur die damalige
Geliebte des Kanthaak und der nicht ermittelte Fahrer des Wagens. Wenn Sie einverstanden sind, Genosse Hauptmann, werde ich mich noch einmal mit
dieser Rosemarie Kitzbeck beschäftigen.” Das geschah. Das Ehepaar Kitzbeck änderte auch weiterhin seine Lebenshaltung in keiner Weise; sie war
anspruchslos, obwohl die Reparaturwerkstatt gut ging und Frau Rosemarie noch einiges dazuverdiente.
„Das kann eine verabredete Tarnung sein”, meinte Lorenz ärgerlich.