Ohne daß er es bemerkte, folgte ihm seine Tochter. Willbrod stopfte den Briefumschlag unter den größten Stein und kehrte um. Nach etwa sechzig Metern
- an der Stelle, wo Lorenz das Feuerzeug gefunden hatte - hörte er plötzlich jemand den Pfad heraufkommen. Er warf sich seitab hin und kroch unter
einen Busch. Aber es war nicht der Erpresser, sondern Jutta, die an ihm vorbei nach oben lief. Willbrod blieb liegen und wartete. Nach seiner
Schilderung muß dieses Warten furchtbar gewesen sein. Was würde er an tief Beschämendem erleben müssen? Nach etwa einer Viertelstunde hörte er auf dem
Plateau seine Tochter schreien, es war unverständlich, die Stimme überschlug sich. Von der Antwort verstand Willbrod nur: „Miststück verdammtes!” Dann
ein kurzer Aufschrei Juttas und plötzliche Stille.
Willbrod hastete den Pfad hinauf, doch als er atemlos oben ankam, war niemand dort. Seine Tochter kam nicht mehr heim. „Es war kein Selbstmord”,
schloß Willbrod. „Er hat Jutta in den See gestoßen und ist geflohen.”
Brückner mußte Willbrod erst drohen, ihn wegen Mordverdachts festnehmen zu lassen, bevor er ihm das Foto aushändigte; er mußte ihm klarmachen, daß andernfalls der von ihm gefürchtete Skandal unausbleiblich sei.
Das Pornofoto wurde im Kriminalistischen Institut von Sachverständigen untersucht. Sie konnten jedoch nicht zuverlässig feststellen, ob es sich um
eine sehr geschickt ausgeführte und meisterhaft retuschierte Montage handelte, da der Blütenzweig die sonst wahrscheinlich einzig erkennbare
Klebestelle in der Halsgegend verdeckte. Aber der Erpresser hatte, wie die meisten Verbrecher, die technischen Möglichkeiten der modernen
Kriminalistik unterschätzt. Allerdings mußte der Körper Juttas exhumiert und eine Röntgenaufnahme des Knochengerüsts in der gleichen Stellung wie auf
dem Foto gemacht werden. Der Röntgenfilm wurde über das Foto gelegt. Die Beine der nackten Frau waren länger, Becken und Rippenpartie breiter als bei
Jutta. Der Tatbestand einer Fotomontage war erwiesen.
Willbrod weinte hemmungslos, als man es ihm mitteilte. „Der Nachweis wäre viel leichter und vor allem rechtzeitig zu führen gewesen”, sagte Brückner,
„wenn Sie sofort, als die Erpressung begann, Vertrauen zu uns gehabt hätten. Sie werden sehen, wie schnell wir jetzt den Schuldigen ermitteln.”
Brückner hatte recht. Der Erpresser mußte die personellen Verhältnisse in Lunzau gut kennen, konnte also nicht weit entfernt zu suchen sein. In dem
nahen Städtchen gab es nur einen Berufsfotografen, und die Montage war zweifellos die Arbeit eines versierten Fachmanns.
Herr Otto Fuhrmann hatte wenig zu tun: Paßbilder, Aufnahmen von Hochzeiten und Jugendweihen, meist aber nur Entwickeln und Kopieren von
Amateuraufnahmen. (Auch Jürgen Frisch hatte ihn einmal einige Schnappschüsse von Jutta vergrößern lassen.) Kurz, Herr Fuhrmann verdiente schlecht. Vor
zehn Jahren war er, ziemlich undurchsichtig begründet, aus Wuppertal zugewandert; dort hatte er in der Industrie als Werbefachmann gearbeitet. Die
Ermittlungen der Volkspolizei ergaben, daß Fuhrmann oft nach Berlin fuhr, dort eine kostspielige Freundin aushielt und auch sonst weit über seine
Verhältnisse lebte. Eine Hausdurchsuchung förderte, neben mehreren Filmen mit pornographischen Aufnahmen und anderem Belastungsmaterial, noch Beweise
für vier weitere Fälle von Erpressung zutage. Wahrscheinlich gab es aber noch weitere.