„Da hatte ich nun endlich meinen Erholungsurlaub”, erzählte mir Peter Brückner, „und ich war froh, in der Sonne am Schwarzen Meer zu liegen, eine
Zeitlang nichts zu hören und zu sehen von den Schattenseiten des Lebens. Warna ist herrlich …!” „Aber?” fragte ich, denn ich hörte in seinem letzten
Ausruf deutlich einen Seufzer mitklingen. „Aber - da bemerkte ich, wie in der Nahe des Landestegs viele Badegäste zusammenliefen und in die Brandung
starrten. Es war gegen vier Uhr nachmittags. Etwas trieb heran. War jemand ertrunken? Vielleicht war noch Hilfe möglich. Ich lief hinzu. Aber da gab
es leider nichts mehr zu retten. Der Frauenkörper, der angeschwemmt wurde, war bekleidet, und man brauchte nicht Mediziner zu sein, um zu erkennen,
daß der Tod schon vor Tagen eingetreten sein mußte.
Halt’, sagte ich und hielt sie davon ab, eine laienhafte Untersuchung nach Papieren oder dergleichen zu beginnen. Ich wandte mich an die Badegäste:
,Bitte, treten Sie zurück, und lassen Sie alles so, wie es ist.’ Und zu einem der beiden Bademeister, der Deutsch verstand: ,Rufen Sie die Miliz an.’
Man folgte bereit-willig meinen Anweisungen, obwohl ich - in Badehose wie alle anderen - nicht daran dachte, mich zu legitimieren.
Erstaunlich schnell waren zwei Milizionäre zur Stelle und übernahmen die Sicherung des Fundorts; ebenso erstaunlich schnell trafen die Kollegen der
bulgarischen Kriminalpolizei und der Sanitätswagen ein. Es waren noch keine dreißig Minuten vergangen, als am Goldstrand schon wieder das übliche
Treiben herrschte. Nur die Stelle, wo die Tote angeschwemmt worden war, wurde sichtlich gemieden. Als ich abends beim Essen im Restaurant Kaliakra
saß, kam ein wohlbeleibter, freundlicher Mann an meinen Tisch und stellte sich vor: ,Major Polaroff’. Ein bulgarischer Kollege. Er habe in meinem
Hotel erfahren, wer ich sei; man habe ihn beauftragt, mich zu fragen, ob ich trotz meines Urlaubs bereit sei, an der Aufklärung des Falls
teilzunehmen. Die Tote sei nämlich als Bürgerin der DDR identifiziert worden, und wahrscheinlich würde ich gewisse Zusammenhänge schneller und
zuverlässiger erkennen und aufdecken können.
Zusammenhänge?’ fragte ich erstaunt. ,Ist denn die Frau nicht einfach ertrunken? Kein Unglücksfall?’ ,Nein. Der ärztliche Befund - Zustand der Lunge
und einige Anzeichen am Körper - hat ergeben, daß die Frau gewaltsam unter Wasser gedrückt, also ermordet wurde.’
Urlaub hin, Urlaub her, natürlich sagte ich meine
Unterstützung zu.
Polaroff zog sein Notizbuch. ,Bisher haben wir folgendes festgestellt’, sagte er. ,Es handelt sich umdie siebenundzwanzigjährige Rita Böhme
ausPlauen, Chefsekretärin in einer volkseigenen Textilfabrik, vor acht Tagen als sogenannte Einzelreisende, also nicht mit einer Gruppe, eingetroffen.
Ihr Hotelzimmer, Nummer dreihundertfünfundzwanzig, teilte sie mit der ihr bis dahin unbekannten DDR-Bürgerin Rita Buhl, zweiunddreißig Jahre alt,
Ehefrau eines Gaststätteninhabers in Berlin-Pankow. Die beiden Frauen haben nur wenig miteinander gesprochen. Nun ja, Sie wissen doch, wie das so ist
in einem Badeort: Man kommt eigentlich nur nachts zum Schlafen ins Zimmer, tagsüber geht jeder seinen Neigungen nach.’ Ich nickte. Dann fragte ich:
,Die beiden hatten sich also nicht, wie das doch gewöhnlich geschieht, gemeinsam einen Sonnenschirm am Strand gemietet?’ ,Nein. Fräulein Böhme hatte
sich schon während der Herfahrt einem Ehepaar angeschlossen, einem Dresdner Chemiker und seiner Frau; Böttcher heißen die Leute. Frau Buhl aber blieb
für sich, fuhr zweimal nach Warna, dann nach Nessebar und einmal per Flugzeug nach Sofia, wo sie einen Tag lang blieb. Sie hatte sich nämlich gleich
am ersten Tag einen Sonnenbrand geholt und mied deshalb den Strand.’ Ich dachte kurz nach. ,Trotzdem ist es auffallend’, sagte ich, ,daß Frau Buhl
niemand benachrichtigte, als ihre Zimmergefährtin zwei Nächte lang nicht erschien. Ebenso wundert mich, daß dem Ehepaar Böttcher nichts auffiel.’
,Doch, den Böttchers ist es schon aufgefallen, daß ihre junge Bekannte nicht mehr zu dem gemeinsamen Liegeplatz kam; aber schließlich, so sagen die
beiden aus, hätten sie angenommen, Fräulein Böhme habe gute Bekannte oder Freunde gefunden und sich denen angeschlossen, vielleicht wolle sie auch aus
einem hygienischen Grund oder wegen der starken Brandung nicht baden. Die Ermordete war nämlich Nichtschwimmerin. - Frau Buhl, ihre Gefährtin von
Nummer dreihundertfünfundzwanzig, die ich ebenfalls ausführlich vernahm, war ärgerlich. Sie kümmere sich grundsätzlich nicht um das
Privatleben anderer Leute, sagte sie, und schon gar nicht um das völlig fremder. Sie habe angenommen, Fräulein Böhme sei mit irgendwelchen
Einheimischen bekannt oder befreundet und habe außerhalb geschlafen.’ Ich schüttelte den Kopf. ,Sagte Frau Buhl, wie sie zu dieser immerhin
etwas sonderbaren Annahme komme?’
,Ja, sie habe Fräulein Böhme gleich am ersten Abend in der kleinen Hotelbar zusammen mit zwei jungen Bulgaren gesehen. Auf meine Frage, in welcher
Sprache sie sich mit ihnen unterhalten habe, antwortete sie, das habe sie wegen der lärmenden Musik nicht hören können, aber sie habe den Eindruck
gehabt, daß Fräulein Böhme mit den beiden Männern sehr befreundet gewesen sei und sie einander mühelos verstanden hätten. Die Personenbeschreibung,
die sie von den jungen Bulgaren gab - wenn es überhaupt welche waren -, war sehr allgemein, durchaus nichtssagend.’
Ich schlug dem Kollegen Polaroff folgende Arbeitsteilung vor: Ich würde unter den deutschen Badegästen nach Anhaltspunkten und Verdachtsmomenten
forschen; er und seine Mitarbeiter sollten sich nicht zuletzt unter dem bulgarischen Hotelper sonal, den Kellnern, Bademeistern und den
Strandarbeitern, um Aufklärung des Falls bemühen.”