„Wo ist Ihre Frau, Herr Ledewandt?” fragte Bek-ker.Becker, leider kein großer Psychologe, behauptete später, Ledewandt habe vor
dem letzten Wort kurz gestockt. „Wohin?” „Sie hat gesagt: nach Angermünde zu ihrer Schwester Karla.” Das kam so langsam und beinahe zögernd, daß
Becker erstaunt die Brauen hob. „Sie hat gesagt”, wiederholte er, „wissen Sie das denn nicht sicher?” Ledewandt schüttelte den Kopf und
wiederholte leise: „Sie hat es gesagt.” Becker räusperte sich. „Ihre Frau könnte Sie also belogen haben?” Ledewandt nickte bekümmert. „Wie wir die
letzte Zeit zueinander standen, wäre das gut möglich.” Becker überlegte: Sollte der ziemlich beschränkt wirkende Mann so raffiniert sein, um
vorzubauen, falls wir seine Frau nicht bei ihrer Schwester finden? „Haben Sie die Anschrift?” fragte er. Klaus Ledewandt zuckte leicht zusammen;
offenbar hatte er diese naheliegende Frage nicht erwartet. Er ist, folgerte Becker, kein logischer oder gar wendiger Denker. „Nein”, erklärte
Ledewandt verlegen. „Ich weiß nicht einmal Karlas jetzigen Familiennamen. Sie hat vor kurzem geheiratet.” „Wäre es möglich, daß Ihre Frau Sie auch in
dieser Sache belogen hat?” Ledewandt atmete unverkennbar auf; diese Frage schien ihm, obwohl beschämend, willkommen zusein. „Wie wir in letzter Zeit
zueinander standen, wäre das gut möglich”, wiederholte er monoton. „Ihre Frau ist sieben Jahre älter als Sie, nicht wahr? Wie ist es zu dieser Ehe
gekommen?” Ein Anflug von Lächeln kam in Ledewandts bleiches Gesicht. „Ich bin immer schon auf ältere Frauen geflogen, und …”
„Etwas anderes, Herr Ledewandt”, unterbrach ihn Becker. „Sie haben doch früher, sagen die Nachbarn, nie im Garten gearbeitet; das hat stets nur Ihre
Frau getan.”
„Weil Siegi Spaß daran hatte. Sie ist von Natur eben so.”
„Nun, es gibt in einem Garten ja nicht bloß so anstrengende Tätigkeiten wie beispielsweise das Ausheben einer Grube.”
Ledewandt lächelte jetzt sogar. Er war gar nicht, wie Becker erwartet hatte, erschrocken oder auch nur betroffen. War er auf diese Frage vorbereitet
gewesen?
Jedenfalls antwortete er flüssig und sichtlich unbefangen: „Ich hatte aus Kummer, weil Siegi mich verlassen hat, drei Tage lang stark getrunken. Ich
kann es immer noch nicht fassen, daß sie weg ist. Sie hat immer gesagt, sie hätte mich aus Liebe geheiratet. Doch man kann ja nicht ewig
weitertrinken. Deshalb habe ich mir, um darüber hinwegzukommen, etwas im Garten zu schaffen gemacht und eine Grube gebuddelt.” „Nachts?”
Er hob etwas verlegen die Schultern. „Es war Vollmond. Ich hatte vorher lange genug geschlafen.” Sein Blick streifte wie zur Erklärung die leeren
Schnapsflaschen in der Ecke.
„Mußten Sie nicht tagsüber beruflich tätig sein?” „Eigentlich ja. Aber ich habe blaugemacht. Ich habe mich vor den Anpflaumereien der Kollegen
gefürchtet.”
„Ihre Kollegen konnten doch gar nicht wissen, daß Ihre Frau Sie verlassen hatte.” „Das habe ich mir nicht überlegt. Ich war völlig durcheinander.”
„Und jetzt haben Sie sich gefangen?” „Einigermaßen”, antwortete er. Da warf ihm Becker plötzlich schroff die entscheidende Frage hin: „Was wollten
Sie in dem Loch vergraben?”
Doch überraschend prompt, mit kleinem Aufatmen sogar, kam die Antwort: „Gerumpel, das sich im Laufe der Jahre hinterm Haus angesammelt hat.” Er stand
auf und deutete aus dem rückwärtigen Fenster: „Da, sehen Sie.”
Becker erblickte einen großen Schutthaufen. Er nickte zerstreut. Selbstverständlich hätte er nach dem jetzigen Stand der Ermittlung-wegen
Verdunklungsgefahr - eine Hausdurchsuchung vornehmen können. Aber ohne schriftlichen Befehl und ohne vorher die erforderlichen Zeugen herbeigeholt zu
haben, täte er so etwas nur im Notfall.
„Wenn sich tatsächlich der Verdacht verdichtet”, erklärte er, als er Brückner berichtete, „wäre auch morgen noch eine in diesem Haus versteckte,
verwesende Leiche unschwer zu finden. Übrigens”, schloß er etwas sprunghaft, „habe ich auch das zwei feihafte Vergnügen gehabt, diese Evelyn Burger
kennenzulernen. Klarer Fall von hysterischem Geltungstrieb. Sie muß unentwegt das Nachbarhaus beobachten, denn sie sah mich hineingehen und nachher
herauskommen. Als ich um die Ecke des Heckengangs gebogen war, kam sie aufgeregt hinter mir her. ,Haben Sie die Tote gefunden, Herr Kommissar?’ fragte
sie.” Becker lachte. „Natürlich wieder flüsternd. Aber als ich den Kopf schüttelte, rief sie schrill: ,Also läuft der Mörder weiter frei herum, und
ich kann sein nächstes Opfer sein! Weil ich ihn angezeigt habe …’ Es war gar nicht so leicht, die sonderbare Dame abzuschütteln.”
Obwohl nur der Mädchenname Karla Haff ke bekannt war, bedeutete es für den Fahndungsdienst eine Kleinigkeit, in Angermünde festzustellen, daß es dort
überhaupt keine Schwester der verschwundenen Sieglinde Ledewandt geborene Haffke gab und nie gegeben hatte. Frau Sieglinde hatte demnach ihren Mann
oder dieser Oberleutnant Becker belogen. Nun war also doch eine Hausdurchsuchung fällig. Nicht etwa, um nach einer Leiche zu suchen - denn wo sollte
diese, ohne sich bei dem relativ warmen Wetter in dem kleinen, nicht einmal unterkellerten Holzbau sogleich bemerkbar zu machen, vier, fünf Tage lang
stecken? -, sondern die von Frau Ledewandt hinterlassenen oder gerade nicht hinterlasse-nen Kleidungsstücke zu überprüfen. Es gibt nämlich, selbst
wenn eine ganze Menge Zeug zurückbleibt, bei einer Frau stets bestimmte Gegenstände - Toilettenartikel, Schmuck und dergleichen, die, je nachdem, ob sie fehlen oder noch vorhanden sind, sehr aussagekräftig sind.