Vielleicht war jedoch eine zweite lebendiger? Was war inzwischen aus Eberhard Böttcher geworden? Nach Verbüßung seiner einjährigen Strafe war ihm
wunschgemäß Arbeit auf einem volkseigenen Gut bei Berlin vermittelt worden. Brückners mehrfache, unauffällige Anfragen ergaben, daß Böttcher zwar
nicht zu den Fleißigsten gehöre, sich aber auch nichts zuschulden kommen lasse. Er sorge pflichtgemäß für seine Frau und ein Kind. Nach seiner
Haftentlassung war er eine Zeitlang besonders aufmerksam beobachtet worden, um festzustellen, ob er vielleicht durch verdächtige Geldausgaben
auffalle. Nein, er lebte offenkundig von dem, was er verdiente. Manchmal machte er sogar geringfügige Schulden. Hauptmann Brückner und seine beiden
Mitarbeiter hatten sich schon während der Ermittlungstätigkeit vor dem Prozeß ein Bild von diesem Mann gemacht. Eberhard Böttcher war nicht besonders
klug, wenn auch manchmal schlau. Dennoch hätte er, falls nach dem Raub eine größere Summe in seinen Händen geblieben wäre, nicht anderthalb Jahre oder
länger gezögert, sie anzugreifen, denn er trank gern und liebte Glücksspiele. Man durfte demnach als ziemlich gewiß annehmen, daß Böttchers Aussage
vor Gericht gestimmt hatte, er habe damals nichts von der Beute erhalten, weil es Joachim Münther gelungen sei, sich damit, ehe er gefaßt werden
konnte, nach dem Westen abzusetzen.
„Massi” schien gleicher Ansicht zu sein. Er versuchte gar nicht erst, mit seinem ehemaligen Komplizen zusammenzutreffen. Er schrieb Böttcher lediglich
ein paar Zeilen, in denen er ihm seine Haftentlassung mitteilte. „Entschuldige, lieber Hardi”, schrieb er, „daß ich dich damals mit in die Tinte
gebracht habe.”
Die Fotokopie des Briefchens lag vor Brückner auf dem Schreibtisch.
Kanthaak schloß mit den Worten: „Ich will jetzt versuchen, mein großes Unrecht wiedergutzumachen. Von dir, lieber Hardi, nehme ich dasselbe an. Es
grüßt dich herzlich dein ehrlich gewordener
Massi”.
Brückner runzelte die Stirn, als er diese kitschigen Phrasen las. Er ordnete an, zu beobachten, ob Böttcher auf diesen Brief antworten oder versuchen
würde, persönlich die Verbindung mit Kanthaak aufzunehmen. Das geschah nicht. Im Zementwerk paßte Lorenz auf. Da er gleichzeitig mit Kanthaak, der ihn
vordem nie gesehen hatte, als Hilfsarbeiter eingestellt worden war, schien es natürlich, ja fast selbstverständlich, daß er zusammen mit ihm im selben
Raum der Wohnbaracke untergebracht wurde.
Nach Feierabend schimpfte er wie ein Rohrspatz auf die schwere, staubige Arbeit beim Überholen einer Kugelmühle. Er fragte Kanthaak kaum etwas,
erzählte aber in seiner lustigen, flotten Art desto mehr Erfundenes von sich.
„Massi” vertraute ihm schließlich so sehr, daß er inm schon nach zwei Wochen gestand, „wegen einer dummen Sache eingebuchtet gewesen” zu sein. „Mein
Gott, jedem kann mal was passieren”, antwortete Lorenz großzügig und zeigte sich nicht neugierig auf Einzelheiten,
Thomas Kanthaak tat murrend seine schwere, staubige Arbeit. Abends trank er, meist sogar zusammen mit seinem jungen Zimmergefährten, ein paar Glas
Bier, spielte Skat, ging dann und wann ins Kino. Er erhielt weder Post, noch schrieb er. Nach etwa drei Wochen traf er sich öfter mit einer jungen
Witwe, die er beim Verlassen des Kinos angesprochen hatte. Seine Geldausgaben hielten sich weiter in mäßigen Grenzen, er lebte sogar sparsam. „Ich
glaube nicht”, sagte Lorenz, als er sich zur verabredeten Berichterstattung mit Brückner traf, „daß wir so weiterkommen.”
Während die beiden noch überlegten, ob es zweckmäßig sei, die zeit- und kraftraubende Beobachtung Kanthaaks fortzusetzen, kam Becker hinzu. Wortlos
legte er Brückner einen Zeitungsausschnitt auf den Tisch. Zu Beckers Aufgaben gehörte es, jeden Tag eine Umlaufmappe mit Meldungen, Notizen, Kriminal-
und Gerichtsberichten westdeutscher und Westberliner Blätter durchzusehen. Er tat das, wie alles, stets sehr gewissenhaft, obwohl dabei ganz selten
etwas Nutzbares zu finden war. Diesmal war es anders.
Der Ausschrritt stammte aus einer Essener Zeitung. Brückner las: „Der Polizei gelang es, zwei Einbrecher festzunehmen, als sie dem bekannten
Juweliergeschäft Brack & Söhne in der Hansastraße einen nächtlichen Besuch abstatteten. Es handelt sich um den siebenunddreißigjährigen Max Seh., von
Beruf angeblich Manager, und den angeblichen Industriekaufmann Joachim M. (56). Letzterer ist vor drei Jahren aus der Ostzone zugewandert; ein
Eisenwarenladen, den er mit geringfügigem Anfangskapital eröffnet hatte, stürzte M. in Schulden, so daß er Konkurs anmelden mußte. So geriet er auf
die schiefe Bahn und wurde, verleitet von Seh., zum Einbrecher. Max Seh. ist bereits mehrfach vorbestraft.” „Da es sich um eine rein kriminelle
Angelegenheit handelt”, berichtete Becker, „veranlaßte ich einen Fernspruch nach Essen. Die Antwort kam, was sonst selten geschieht, sehr schnell:
Joachim M. ist identisch mit unserem Joachim Münther.” „Er hat also die geraubten Lohngelder nicht mitnehmen können!” rief Lorenz aufgeregt. „Sonst
hätte er nicht mit seinem Laden Pleite gemacht. Die geraubten vierhunderttausend Mark müssen also immer noch irgendwo bei uns versteckt sein.”
„Richtig, aber wo?” brummte Brückner. „Und wer versteckte sie? Kanthaak und Böttcher wurden knapp eine Viertelstunde nach dem Einbruch verhaftet; sie
hatten weder Zeit noch Gelegenheit, eine derart umfangreiche Beute sicherzustellen.” „Es bleiben uns also”, folgerte Becker, „nur die damalige
Geliebte des Kanthaak und der nicht ermittelte Fahrer des Wagens. Wenn Sie einverstanden sind, Genosse Hauptmann, werde ich mich noch einmal mit
dieser Rosemarie Kitzbeck beschäftigen.” Das geschah. Das Ehepaar Kitzbeck änderte auch weiterhin seine Lebenshaltung in keiner Weise; sie war
anspruchslos, obwohl die Reparaturwerkstatt gut ging und Frau Rosemarie noch einiges dazuverdiente.
„Das kann eine verabredete Tarnung sein”, meinte Lorenz ärgerlich.