Jürgen Frisch hatte sie drei Jahre zuvor während eines Urlaubs in dem abgelegenen Dorf am See kennengelernt, sich in sie verliebt und sie kurz danach
geheiratet. Übereinstimmend sagten alle Befragten, die Ehe sei sehr gut, geradezu vorbildlich gewesen. Auch Brückner hatte, als er mit Jürgen Frisch
sprach, den gleichen Eindruck gewonnen. Obwohl sich der Mann mit großer Selbstdisziplin beherrschte, sich beinahe zu sachlich gab, erkannte der
erfahrene Kriminalist, welch tiefer Schmerz sich hinter der scheinbaren Sachlichkeit verbarg. „Ein Selbstmord ist undenkbar” erklärte Frisch bestimmt.
„Es gibt kein Motiv. Jutta muß ermordet worden sein. Doch auch dafür sehe ich, trotz allen Grübeins, erst recht keins. Es sei denn, ein
Sittlichkeitsverbrecher …”
„Nein”, unterbrach ihn Brückner. „Dafür gibt es nicht das geringste Anzeichen. Darf ich Sie fragen, wie die Stimmung Ihrer Frau in letzter Zeit war?”
„Sehr gut. Sie freute sich auf den Urlaub in Lunzau. Jutta war, als wir uns verabschiedeten, fröhlich. Sie bedauerte nur, daß wir nicht zusammen
fahren konnten, weil ich wieder einmal dienstlich unabkömmlich war.”
„Noch eine Frage: „Ausgezeichnet. Er ist ein einfacher Mann.” Jürgen Frisch lächelte müde. „Er sieht in mir ein hohes Tier, und Sie wissen ja, wie das in so einem Dorf
ist: Man lebt dort noch zum Teil in veralteten Begriffen von guter Partie und so weiter.”
Becker und Lorenz untersuchten den Tatort, während
Brückner den Vater Juttas befragte.
Jens Willbrod war immer noch stark deprimiert, nahezu lethargisch. Nur zwischendurch antwortete er unbestimmt, wenn nicht wirr. Eine dieser
spontanen Äußerungen war sonderbar: „Es durfte keinen Skandal geben, ich mußte unbedingt den Skandal verhindern.” „Was für einen Skandal?” fragte
Brückner aufhorchend.
„In Berlin”, antwortete Willbrod. „Jürgen …” Er brach ab und machte eine Geste, als müsse er etwas Unbedachtes, über das er nachträglich erschrak,
fortwischen. Er versank wieder in seine depressive Teilnahmslosigkeit.
Becker, der mit Lorenz das Felsplateau zentimeterweise abgesucht hatte, brachte mittags einen schweren Steinbrocken mit. „Die erste Untersuchung ist
leider von unseren hiesigen Mitarbeitern unsachgemäß vorgenommen worden”, sagte er. Zweifellos sind dort auch später noch Neugierige herumgelaufen,
Fußspuren waren auf dem harten Boden ohnehin nicht zu erwarten. Einige abgeknickte dünne Zweige an einem Wacholderbusch und zertretene Büschel von
abgeblühter Erika lassen keine verwertbaren Schlüsse zu. Dieser Steinbrocken könnte der Form und dem Gewicht nach als Schlagwerkzeug benutzt worden
sein. Wir haben die Fundstelle für alle Fälle gekennzeichnet.”
„Gut”, sagte Brückner. „Schicken Sie das Fundstück sofort nach Berlin, und lassen Sie es im Institut untersuchen. Blutspuren werden darauf zwar kaum
zu finden sein, aber vielleicht ein Haar oder dergleichen, falls nicht ein ähnlicher Steinbrocken als Tatwerkzeug in den See geworfen wurde.”
Lorenz legte ein anderes Fundstück auf den Tisch: ein Taschenfeuerzeug mit Gasfüllung. Allerdings hatte es etwa sechzig Meter vom Tatort entfernt
(wenn das Plateau überhaupt der Tatort war) am Rand des Pfads gelegen, der zu dem Plateau hinaufführte. Brückner nahm sogleich Fingerabdrücke von dem
spiegelglatten Metall. „Damit wir nichts versäumen”, ordnete er an, „schicken Sie auch diese Abdrücke nach Berlin, obwohl kaum zu erwarten ist, daß
sie registriert sind. Aber man kann nie wissen.” Becker nickte.
„Und Sie, Genosse Leutnant”, wandte er sich wieder an Lorenz, „hören mal im Dorf herum, ob jemand den Besitzer des Feuerzeugs kennt. Das Ding müßte
eigentlich aufgefallen sein, denn Gasfeuerzeuge dieser Art werden bei uns erst in letzter Zeit und noch in relativ geringer Anzahl in den Großstädten
angeboten.”
Schon am nächsten Morgen konnte Lorenz melden: „Herr Willbrod ist der einzige im Dorf, der ein solches Feuerzeug besaß; er hat es oft herumgezeigt.
Ein Geschenk seines Schwiegersohns.” Becker meldete: „An dem Fundstück keine Blut- oder Haarspuren. Fingerabdrücke vom Feuerzeug nicht in der
Kartothek der Vorbestraften.” „Was zu erwarten war”, antwortete Brückner. Nun hatte aber trotzdem der Fund des Feuerzeugs keinerlei Beweiskraft. Es
konnte von Willbrod an jedem beliebigen Tag, zu jeder Tages- und Nachtzeit verloren, etwa mit einem Taschentuch herau sgerissen worden sein.