„Mit einigen hunderttausend Eiern im Kasten”, sagte Brückner sinnend, „kann ich mir nur schwer vorstellen …” Jedenfalls schien die Spur Kitzbeck
tot, mausetot, und unsere Freunde waren nah daran, sie fallenzulassen. Da stieß Becker bei neuerlicher Aktendurchsicht und dem Stöbern in seinen
Notizen auf etwas zunächst Belangloses; doch sein Computergehirn (wie Lorenz es oft im Scherz nannte) registrierte nahezu unbewußt, jedenfalls nur
beiläufig, daß Rosemarie Kitzbeck und „Massis” neue Errungenschaft aus dem Kino, die unauffällig und bescheiden dahinlebende Witwe Lore Otterbach,
gleichaltrig und beide in Berlin-Pankow geboren waren. Wohl kaum ein anderer als Becker hätte sich über einen solch belanglosen Zufall Gedanken
gemacht. Er jedoch ließ nie auch nur die blasse Andeutung einer möglichen Spur außer acht. Es wäre also möglich, wenn auch kaum wahrscheinlich,
folgerte er, daß die beiden Frauen einander kennen, womöglich von der Schule her, jedenfalls kann’s nicht schaden und kostet wenig Aufwand, dies
nachprüfen zu lassen. Beckers Vermutung traf zu: Die beiden Mädchen hatten zusammen die Schule besucht, sie waren sogar Klassenkameradinnen gewesen.
Aber was besagte das schon? So gut wie nichts. Die unauffällige Befragung einiger ehemaliger Mitschülerinnen, Nachbarn und eines pensionierten Lehrers
ergab jedoch mehr und vielleicht Bedeutungsvolleres: Rosemarie und Lore waren jahrelang, auch noch nach der Schulzeit, eng befreundet gewesen, bis
Rosemarie Pauder als Siebzehnjährige die Geliebte Kanthaaks wurde. Da bekam
die Freundschaft einen plötzlichen Knacks. Lore, mit der Kanthaak zuvor ebenfalls anzubandeln versucht habe, so erzählten zwei ehemalige
Mitschülerinnen, sei über „die Gemeinheit” ihrer bis dahin besten Freundin tief empört gewesen. Sie habe ihre zornige Eifersucht auch keineswegs für
sich behalten. Die langjährigen Busenfreundinnen grüßten einander zuletzt nicht mehr. Konnte das Theater gewesen sein?
Lorenz lag schon im Bett, als Kanthaak gegen dreiundzwanzig Uhr von einem Besuch seiner Geliebten heimkam. Seine Überwachung außerhalb des Betriebs
hatte ein anderer Kriminalist übernommen, da dies unauffälliger geschehen konnte und Brückner den tagsüber körperlich schwer arbeitenden Lorenz nicht
zusätzlich belasten wollte. Lorenz tat, als schlafe er fest. Kanthaak kleidete sich, um ihn nicht zu wecken, ohne die Beleuchtung einzuschalten, aus,
zumal von draußen ein Lichtschein durchs Fenster fiel.
Da hörte Lorenz ein leises Rascheln wie von fallendem Papier. Als Kanthaak zu schnarchen begann, sah er sich aufmerksam um. Auf dem Fußboden, dicht
neben seinem Bett, schimmerte etwas Weißes. Er tastete behutsam mit den Zehen danach und zog es heran. Es war ein nachlässig zusammengefalteter
Zettel. Vielleicht die Mitteilung eines Komplizen? Lorenz steckte das Papier eilig in die Tasche seines Pyjamas. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß
Kanthaak wirklich fest schlief, eilte er in die Toilette.
Enttäuscht sah er dort, daß das Blatt nur ein gewöhnlicher Fahrplan der Weißen Flotte war. Die Abfahrtszeit eines der zahlreichen regelmäßig
verkehrenden Motorschiffe- - „17,30 Uhr” - hatte jemand flüchtig mit Kugelschreiber angehakt und davor ein „Do” gekritzelt. Also Donnerstag, sagte
sich Lorenz, das wäre morgen. Wahrscheinlich wollte Kanthaak mit seiner lustigen Witwe eine kleine Spritztour unternehmen. Nein, da unten am Rand des
Blattes stand etwas, das dem widersprach: „Restaurant 120 lks. Preisskat.” Jetzt allerdings war der Kriminalist Lorenz plötzlich hellwach. Das Blatt -
es wirkte auf ihn wie ein Kassiber, den Frau Lore übermittelt hatte. Was konnte „120 lks” bedeuten? Vielleicht 120 Meter links vom Anlegeplatz der
Weißen Flotte? Dort gab’s vermutlich ein Restaurant. Na schön. Und Preisskat? Ach so, ja, Kanthaak war ein eifriger Spieler, er hatte die Notiz wohl
selbst auf den Fahrplan gekritzelt. Ob Kanthaak auf einen Preis hoffte? Preis, Preis … Preisverteilung …, „spann” Lorenz, und wie schon so manches
Mal schlug bei ihm jäh der Blitz ein: Die Preise, die bei diesem „Skat” verteilt werden sollten - das waren die Anteile aus dem Lohnraub! Ins Zimmer
zurückgekehrt, steckte Lorenz den Zettel vorsichtig in Kanthaaks Rocktasche. Am Morgen meldete er sich krank und fuhr, kaum daß Kanthaak das Zimmer
verlassen hatte, ins Polizeipräsidium. Es war noch nicht ganz achtzehn Uhr, als sich Brückner die Verhafteten nacheinander zur Vernehmung vorführen
lassen konnte.
Eberhard Böttcher war nicht dabei, er hatte mit der Sache tatsächlich nicht mehr zu tun, als bereits gerichtsnotorisch war. „Massis” Freundin Lore,
die sich nach wohlüberlegtem Plan vor drei Jahren demonstrativ von Rosemarie Pauder getrennt und sich weiterhin konsequent von ihr ferngehalten hatte,
war die unverdächtige Botin zwischen „Massi” und Rosemarie Kitzbeck geworden. Brückner ließ beide in Untersuchungshaft abführen. Die Hausdurchsuchung
bei Kitzbecks zeitigte ein erfreuliches Ergebnis: Rund 400000 Mark, im Lauf der Jahre geschickt und unauffällig gegen solche Banknoten umgetauscht,
die mit ziemlicher Gewißheit nicht so bald aus dem Verkehr gezogen werden würden, fanden sich, flach gebündelt, hinter einer eingeschweißten
Zwischenwand in Siegfried Kitzbecks EMW-Kombi.