Peter Brückner, damals mit den Ermittlungen betraut, konnte nicht beweisen, daß Kanthaak den Totschlag begangen hatte. Trotz vieler belastender
Indizien konnte der gewandte „Massi” vor Gericht einem republikflüchtig gewordenen Komplizen, dem drei-undfünfzigjährigen Kassierer des Werks, Joachim
Münther, die Schuld zuschieben. Thomas Kanthaak blieb auch, ebenso wie der dritte Beteiligte, der noch sehr junge Hilfsarbeiter Eberhard Böttcher,
welcher angab, „nur Schmiere gestanden” und erst später geholfen zu haben, die Beutel aus dem Fenster zu werfen, unbeirrbar bei seiner Aussage, der
Kassierer Münther habe das geraubte Geld mitgenommen. Tatsächlich war weder bei Kanthaak noch bei Böttcher etwas gefunden worden. Böttcher war mit
einem Jahr Freiheitsentzug davongekommen, da die Ermittlungen Brückners und seiner Mitarbeiter beweiskräftig ergaben, daß er an dem Totschlag
schuldlos war. Der Fahrer des Wagens, eines EMW-Kombi, mit dem die Beute fortgeschafft worden war, konnte nicht ermittelt werden. Kanthaak und
Böttcher behaupteten, nur der geflüchtete Münther habe ihn persönlich gekannt. Die Bundespolizei, um Ermittlungs- und Fahndungshilfe ersucht,
antwortete ausweichend. Jetzt also war ,,Massi” aus dem Zuchthaus entlassen worden.
„Glücklicherweise”, sagte Staatsanwalt Rosner zu Brückner, „hat seinerzeit das Gericht die Anklage wegen Todschlags nicht fallengelassen, sondern das
Verfahren abgetrennt.”
„Ich weiß”, antwortete Brückner. „Deshalb haben wir auch die Ermittlungen nie ganz ruhen lassen, und Kanthaak steht, seit er vorgestern die
Haftanstalt verlassen hat, unter Beobachtung.” „Haben Sie noch eine Hoffnung, ihn zu überführen?”
Peter Brückner zuckte die Achseln. „Wenig. Aber man muß es versuchen.”
„Sind Sie überzeugt, daß er und nicht der republikflüchtige Münther der Täter ist?”
„Überzeugtsein nützt dem Kriminalisten wenig”, sagte Brückner und lächelte bitter; „er braucht Beweise. Hier gibt es jedoch, wie Sie wissen, nur
Indizien. Der damals dreiundfünfzigjährige Kassierer Münther, den Kanthaak belastete - er selbst habe, weil er die Säcke trug, ,doch gar keine Hand
frei gehabt’ -, ist ein besonders kleiner, schmächtiger Mann, nur ein Meter achtundfünfzig groß. Nach dem Gutachten des Kriminalistischen Instituts
könnte ein so kleiner Mann die Tat nur begangen haben, wenn er auf einer Erhöhung, einem Stuhl etwa, gestanden hätte. Das gerichtsmedizinische
Gutachten besagt überdies, daß der tödliche Schlag von einem kräftigen Mann geführt wurde. Kanthaak ist kräftig, Kanthaak ist ein Meter zweiundneunzig
groß, der Erschlagene maß eins dreiundsiebzig.”
„Hat die neuerliche Beobachtung Kanthaaks schon etwas ergeben?”
„Nein. Nachdem er die Haftanstalt verlassen hatte, erledigte er die üblichen Meldeformalitäten und suchte die vom Strafvollzug informierte
Kaderabteilung des Zementwerks auf. Er wurde eingestellt. Übermorgen wird er dort zu arbeiten beginnen” -Brückner sprach unwillkürlich etwas leiser
und lächelte -, „gleichzeitig aber auch mein Mitarbeiter Lorenz.”
„Wie ist denn das mit ,Massis’ sogenannter Braut? Rosemarie hieß sie wohl, wenn ich mich recht erinnere.”
„Damals, noch während der Untersuchungshaft, besuchte sie Kanthaak einmal. Später nie wieder. Sie schrieb ihm auch nicht. Inzwischen hat sie einen
gewissen Siegfried Kitzbeck geheiratet, den Inhaber einer Autoreparaturwerkstatt. Gegen den liegt nichts vor. Kanthaak hat nach seiner Entlassung
natürlich gleich versucht, mit seiner früheren ,Braut’ zusammenzutreffen; er ließ sich von ihren Eltern die Adresse geben. Das Weitere müssen wir
abwarten.”
Becker, mit der Beobachtung betraut, brauchte nicht lange zu warten. Thomas Kanthaak suchte schon am nächsten Tag seine frühere Geliebte in Köpenick
auf. Frau Kitzbeck, wie sie nun hieß, war nicht zu Hause. Von Nachbarn erfuhr er, daß sie als Verkäuferin im Warenhaus am Alex arbeite.
Nach Feierabend paßte Kanthaak sie ab. ,,Er zog den Hut und sprach sie an”, berichtete Becker. „Sie erschrak sichtlich. Die beiden wechselten nur ein
paar Worte, dann lief die junge Frau hastig hinter einigen Kolleginnen her und schloß sich diesen an. Kanthaak machte enttäuscht kehrt. Ich hatte den
Eindruck, daß er entschieden abgewiesen worden war. Inzwischen”, fuhr Becker fort, „habe ich mich genauer über diese Rosemarie Kitzbeck, vordem
unverehelichte Pauder, informiert. Sie ist tüchtig, arbeitet zuverlässig; ihre Ehe mit Kitzbeck ist nach Auskünften der Nachbarn gut.”
Diese Ermittlungen deckten sich mit jenen, die während der vergangenen drei Jahre gelegentlich gemacht worden waren; denn selbstverständlich hatte
Brück-ner auch diese Spur - obgleich er und seine Mitarbeiter sie für ziemlich „kalt” hielten - nicht völlig außer acht gelassen. Jetzt allerdings war
sie nicht nur ganz kalt, sondern offenbar tot.
Brückner ließ sich den Durchsuchungsbefehl unterschreiben und begab sich mit Lorenz in die Kolonie „Erntesegen”.
Klaus Ledewandt empfing die beiden Kriminalisten sichtlich erleichtert. Das Zimmer war aufgeräumt und sauber. „Gott sei Dank”, sagte er, „jetzt ist
alles klar.” Und bevor Brückner den Durchsuchungsbefehl aus der Tasche ziehen konnte, reichte er ihm einen Brief. „Meine Frau hat geschrieben. Aus
Hamburg. Sie hat immer schon gesagt, daß sie abhauen wollte; jetzt hat sie’s getan. Es ist erwiesen.”
Brückner überflog die wenigen Zeilen. „Ich bin hier in Hamburg bei meinem Jugendfreund Jens-Dieter. Mit meiner Rückkehr kannst du nicht mehr rechnen.
Am besten, du reichst die Scheidung ein.
Das war unmißverständlich. Der „Mordfall” war damit erledigt. Lorenz grinste lausbubenhaft, als sie gingen. „Mal eben nach Hamburg fahren”, sagte er,
„heutzutage eine Kleinigkeit, nicht wahr?” „Nun, was ist, meine Herren?” Evelyn Burger verstellte ihnen den Weg. Ihre Augen
funkelten sensationslüstern. „Die Ermordete ist vergnügt und munter”, raunzte Brückner. „Sie läßt Sie bestens grüßen.” „Nein, so was”, stammelte sie
und zog sich gekränkt hinter ihre Gartenpforte zurück.
Es wird bei uns oft über Routine und Bürokratismus geschimpft, nicht selten, wenn es um die Arbeit unserer Volkspolizei geht. Meist zu Unrecht.
Jedenfalls wäre der Fall Ledewandt wohl nie aufgeklärt worden, hätte nicht Hauptmann Brückner - ganz routinemäßig und ohne jede Erwartung - den Brief
aus Hamburg zur Prüfung ins Kriminalistische Institut geschickt. Das Gutachten war verblüffend. Die Analyse ergab, daß die Schrift mehr als zwei
Wochen alt war. In der Wohnungsverwaltung des Bezirks fand Becker einen alten Beschwerdebrief und mehrere Eingaben, die Frau Ledewandt geschrieben
hatte. Der Schriftenvergleich in der Abteilung Grafik bewies einwandfrei, daß der Hamburger Brief keinesfalls von ihrer Hand stammte. Zu allem
Überfluß fanden sich auch noch zwei deutliche Fingerabdrücke Klaus Lede-wandts auf dem Briefbogen und keine anderen.
Nunmehr mußten Brückner, Becker und Lorenz zwei Nächte lang Außendienst tun, denn sie ließen es sich nicht nehmen, den interessant gewordenen Fall
persönlich abzuschließen.
In der zweiten Nacht, morgens gegen halb fünf Uhr, wurde die Haustür leise von Frau Burger geöffnet. Sie kam heraus. Ihr folgte Klaus Ledewandt. Beide
spähten zunächst nach allen Seiten; dann zogen sie ein längliches, in Leintücher gehülltes und verschnürtes Etwas heraus, schleppten es
zum Zaun und wälzten es hinüber.
Als sie drüben die Leiche in die Grube gezerrt hatten und eben mit dem Zuschütten beginnen wollten, wurden sie verhaftet.
Beim Verhör prahlte die Hysterikerin, ohne im geringsten zu spüren, wie lächerlich sie sich damit machte, wie überaus schlau sie gehandelt habe. Sie
behauptete überzeugt, wenn ihr derzeitiger Liebhaber Klaus Ledewandt „nach der Tat nicht so viel getrunken und sich beim Verhör nicht so dämlich
angestellt hätte”, wäre ihre wohlüberlegte Anzeige das zuverlässigste Mittel zur Ablenkung der Polizei gewesen, und der daraufhin „wegen erwiesener
Unschuld” freizusprechende, charakterschwache, aber im Bett leistungsfähige Klaus Ledewandt hätte ihr, wie sie sich ausdrückte, „ganz gehört”. Jetzt
aber würde er - was sie natürlich nicht voraussah - wegen Beihilfe zum Mord verurteilt werden und einige Jahre einer Haftanstalt „ganz gehören”,
während sie, der Mordtat überführt, in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke ihr weiteres Leben zu verbringen hatte. Thomas Kanthaak, einundvierzig Jahre alt, in gewissen Kreisen und von seiner siebzehnjährigen Geliebten Rosemarie Pauder „Massi” genannt, war nach
zweieinhalb Jahren im Januar 1960 aus dem Zuchthaus entlassen worden.
Er war an einem Raub von mehr als 400 000 Mark Lohngeldern beteiligt gewesen. Dieses Verbrechen war mit besonderer Frechheit ausgeführt worden und
hatte einem Angehörigen des Betriebsschutzes das Leben gekostet; einer der Einbrecher hatte den Mann, ehe dieser zur Waffe greifen konnte, mit einem
Brecheisen niedergeschlagen. Das mußte morgens gegen fünf Uhr geschehen sein, kurz nachdem die plombierten Geldbeutel in dem altmodischen Stahlschrank
des Kassenraums deponiert worden waren und der polizeilich gesicherte Transportwagen das Werkgelände verlassen hatte.
„Wo ist Ihre Frau, Herr Ledewandt?” fragte Bek-ker.Becker, leider kein großer Psychologe, behauptete später, Ledewandt habe vor
dem letzten Wort kurz gestockt. „Wohin?” „Sie hat gesagt: nach Angermünde zu ihrer Schwester Karla.” Das kam so langsam und beinahe zögernd, daß
Becker erstaunt die Brauen hob. „Sie hat gesagt”, wiederholte er, „wissen Sie das denn nicht sicher?” Ledewandt schüttelte den Kopf und
wiederholte leise: „Sie hat es gesagt.” Becker räusperte sich. „Ihre Frau könnte Sie also belogen haben?” Ledewandt nickte bekümmert. „Wie wir die
letzte Zeit zueinander standen, wäre das gut möglich.” Becker überlegte: Sollte der ziemlich beschränkt wirkende Mann so raffiniert sein, um
vorzubauen, falls wir seine Frau nicht bei ihrer Schwester finden? „Haben Sie die Anschrift?” fragte er. Klaus Ledewandt zuckte leicht zusammen;
offenbar hatte er diese naheliegende Frage nicht erwartet. Er ist, folgerte Becker, kein logischer oder gar wendiger Denker. „Nein”, erklärte
Ledewandt verlegen. „Ich weiß nicht einmal Karlas jetzigen Familiennamen. Sie hat vor kurzem geheiratet.” „Wäre es möglich, daß Ihre Frau Sie auch in
dieser Sache belogen hat?” Ledewandt atmete unverkennbar auf; diese Frage schien ihm, obwohl beschämend, willkommen zusein. „Wie wir in letzter Zeit
zueinander standen, wäre das gut möglich”, wiederholte er monoton. „Ihre Frau ist sieben Jahre älter als Sie, nicht wahr? Wie ist es zu dieser Ehe
gekommen?” Ein Anflug von Lächeln kam in Ledewandts bleiches Gesicht. „Ich bin immer schon auf ältere Frauen geflogen, und …”
„Etwas anderes, Herr Ledewandt”, unterbrach ihn Becker. „Sie haben doch früher, sagen die Nachbarn, nie im Garten gearbeitet; das hat stets nur Ihre
Frau getan.”
„Weil Siegi Spaß daran hatte. Sie ist von Natur eben so.”
„Nun, es gibt in einem Garten ja nicht bloß so anstrengende Tätigkeiten wie beispielsweise das Ausheben einer Grube.”
Ledewandt lächelte jetzt sogar. Er war gar nicht, wie Becker erwartet hatte, erschrocken oder auch nur betroffen. War er auf diese Frage vorbereitet
gewesen?
Jedenfalls antwortete er flüssig und sichtlich unbefangen: „Ich hatte aus Kummer, weil Siegi mich verlassen hat, drei Tage lang stark getrunken. Ich
kann es immer noch nicht fassen, daß sie weg ist. Sie hat immer gesagt, sie hätte mich aus Liebe geheiratet. Doch man kann ja nicht ewig
weitertrinken. Deshalb habe ich mir, um darüber hinwegzukommen, etwas im Garten zu schaffen gemacht und eine Grube gebuddelt.” „Nachts?”
Er hob etwas verlegen die Schultern. „Es war Vollmond. Ich hatte vorher lange genug geschlafen.” Sein Blick streifte wie zur Erklärung die leeren
Schnapsflaschen in der Ecke.
„Mußten Sie nicht tagsüber beruflich tätig sein?” „Eigentlich ja. Aber ich habe blaugemacht. Ich habe mich vor den Anpflaumereien der Kollegen
gefürchtet.”
„Ihre Kollegen konnten doch gar nicht wissen, daß Ihre Frau Sie verlassen hatte.” „Das habe ich mir nicht überlegt. Ich war völlig durcheinander.”
„Und jetzt haben Sie sich gefangen?” „Einigermaßen”, antwortete er. Da warf ihm Becker plötzlich schroff die entscheidende Frage hin: „Was wollten
Sie in dem Loch vergraben?”
Doch überraschend prompt, mit kleinem Aufatmen sogar, kam die Antwort: „Gerumpel, das sich im Laufe der Jahre hinterm Haus angesammelt hat.” Er stand
auf und deutete aus dem rückwärtigen Fenster: „Da, sehen Sie.”
Becker erblickte einen großen Schutthaufen. Er nickte zerstreut. Selbstverständlich hätte er nach dem jetzigen Stand der Ermittlung-wegen
Verdunklungsgefahr - eine Hausdurchsuchung vornehmen können. Aber ohne schriftlichen Befehl und ohne vorher die erforderlichen Zeugen herbeigeholt zu
haben, täte er so etwas nur im Notfall.
„Wenn sich tatsächlich der Verdacht verdichtet”, erklärte er, als er Brückner berichtete, „wäre auch morgen noch eine in diesem Haus versteckte,
verwesende Leiche unschwer zu finden. Übrigens”, schloß er etwas sprunghaft, „habe ich auch das zwei feihafte Vergnügen gehabt, diese Evelyn Burger
kennenzulernen. Klarer Fall von hysterischem Geltungstrieb. Sie muß unentwegt das Nachbarhaus beobachten, denn sie sah mich hineingehen und nachher
herauskommen. Als ich um die Ecke des Heckengangs gebogen war, kam sie aufgeregt hinter mir her. ,Haben Sie die Tote gefunden, Herr Kommissar?’ fragte
sie.” Becker lachte. „Natürlich wieder flüsternd. Aber als ich den Kopf schüttelte, rief sie schrill: ,Also läuft der Mörder weiter frei herum, und
ich kann sein nächstes Opfer sein! Weil ich ihn angezeigt habe …’ Es war gar nicht so leicht, die sonderbare Dame abzuschütteln.”
Obwohl nur der Mädchenname Karla Haff ke bekannt war, bedeutete es für den Fahndungsdienst eine Kleinigkeit, in Angermünde festzustellen, daß es dort
überhaupt keine Schwester der verschwundenen Sieglinde Ledewandt geborene Haffke gab und nie gegeben hatte. Frau Sieglinde hatte demnach ihren Mann
oder dieser Oberleutnant Becker belogen. Nun war also doch eine Hausdurchsuchung fällig. Nicht etwa, um nach einer Leiche zu suchen - denn wo sollte
diese, ohne sich bei dem relativ warmen Wetter in dem kleinen, nicht einmal unterkellerten Holzbau sogleich bemerkbar zu machen, vier, fünf Tage lang
stecken? -, sondern die von Frau Ledewandt hinterlassenen oder gerade nicht hinterlasse-nen Kleidungsstücke zu überprüfen. Es gibt nämlich, selbst
wenn eine ganze Menge Zeug zurückbleibt, bei einer Frau stets bestimmte Gegenstände - Toilettenartikel, Schmuck und dergleichen, die, je nachdem, ob sie fehlen oder noch vorhanden sind, sehr aussagekräftig sind.
Der ABV war sichtlich ein bißchen stolz, besonders gut unterrichtet zu sein, und erzählte bereitwillig. Evelyn Pauske, siebtes Kind einer
Schneiderfamilie, beide Eltern Alkoholiker,hatte, knapp zwanzigjährig, den um einunddreißig Jahre älteren Apothekenbesitzer Friedrich Burger
geheiratet. Sie erzählte jedem,
der es hören wollte, ihre Eltern hätten sie, obwohl sie bestimmt ein Filmstar geworden wäre, dazu gezwungen. Jedenfalls ging es nicht gut mit dieser
Ehe. Die junge, lebenshungrige Frau betrog den leistungsschwachen Burger mit zahlreichen jüngeren Männern. Es gab, da sie das schamlos offen trieb,
mehrere Skandale. Vor etwa drei Jahren wurde der Apotheker in eine üble Sache verwickelt und eingesperrt; er war, als das Gesetz noch in seiner vollen
Härte galt, an einer Abtreibung mit tödlichem Ausgang beteiligt gewesen. Nach seiner Haftentlassung blieb ihm nichts anderes, als zu seiner Frau in
das ziemlich ärmliche Siedlungshäuschen zu ziehen, das vordem ihren Eltern gehört hatte. Da gegen Burger auch ein Berufsverbot ausgesprochen worden
war, gammelte er so dahin, weigerte sich jedoch strikt, sich von Evelyn scheiden zu lassen. Da starb er plötzlich. Vor sechzehn Monaten. An Gift,
wurde festgestellt. Doch das war angesichts seines früheren Berufs nur wenig verdachterregend.
„Also doch Verdacht”, warf Brückner ein. „Auf seine Frau?”
„Auf wen sonst?” antwortete Katte leicht ironisch. „Geschwätz kann in der Enge einer Schrebergartensiedlung nicht ausbleiben. In diesem Fall schon gar
nicht, weil sich die junge Witwe nun noch gieriger an jungen Männern schadlos zu halten versuchte.” „Nur versuchte?”
„Nur. Denn sie hatte damit zunehmend weniger Glück. Nicht bloß, weil sich die von ihr Auserwählten wegen der umlaufenden Gerüchte ängstlich oder sogar
offen ablehnend verhielten, sondern hauptsäch-
lieh, weil man sie für völlig unberechenbar bis zu gefährlichem Verrücktsein hielt.” „Gab es überdies besondere Anlässe?” „Mehrere. Darunter einen
besonders beängstigenden. Sie war es, wie während des Prozesses evident wurde, die ihren Mann angezeigt hatte. Dann aber, als sich das Gericht wider
Erwarten auch mit ihrer höchst zweifelhaften Rolle in der Angelegenheit beschäftigte - sie nannte die Verstorbene ihre ,beste Freundin’ -, tat sie
plötzlich alles, um ihren verhaßten Gatten zu entlasten. Das geschah geradezu verrückt widerspruchsvoll. ,Sie hat nicht alle Tassen im Schrank’,
sagen die Leute von ihr, und so ist es wohl auch, Genosse Hauptmann.” „Gemeingefährlich ist sie nicht?” „Die Psychiater sagen nein.”
Brückner schüttelte den Kopf, er war sichtlich nicht recht einverstanden mit den Seelenärzten.
Dies waren die ersten Untersuchungsergebnisse: Klaus Ledewandt, knapp einundzwanzig Jahre alt, vier Jahre zuvor einmal von einem Jugendgericht wegen
Tierquälerei verurteilt, arbeitsscheu und in seinem derzeitigen Beruf als Lagerarbeiter sehr unzuverlässig, war verheiratet mit der
achtund-zwanzigjährigen Sieglinde geborene Haffke, einer, wie allgemein gesagt wurde, sehr robusten, arbeitsamen, aber ziemlich geschwätzigen Person.
Sie war den meisten Frauen in der Kolonie gut bekannt, jedoch mit keiner befreundet. Dazu redete sie zuviel und meist reaktionäres Zeug. Ihren jungen
Ehemann beherrschte sie völlig.
Mehrere der befragten Frauen erzählten, was übrigens schon die Zeugin Evelyn Burger zu Brückner gesagt hatte, daß Frau Ledewandt „ihren Klaus” stets
wie einen dummen Jungen behandelte und ihn sogar gelegentlich verprügelte.
Nun war Frau Ledewandt, die man sonst täglich beim Einkauf oder bei einem Schwatz auf einem der Heckenwege der Kolonie sehen konnte, seit vier Tagen
verschwunden.
Das brauchte aber kaum etwas zu bedeuten. Sie konnte krank sein und zu Haus im Bett liegen; zu einer Verkäuferin, die beiläufig nach ihr fragte, hatte
Ledewandt das sogar gesagt. Doch merkwürdigerweise hatte er tags zuvor, als er nicht weniger als fünf große Flaschen Weinbrand einkaufte, zu einem
Nachbarn, der im Laden neben ihm stand und ein erstauntes Gesicht machte, lachend gesagt: „Meine Alte ist verreist, da muß ich mich doch trösten.” Die
Briefträgerin, auf die Aussage Evelyn Burgers verwiesen, bestätigte: Klaus Ledewandt hatte zu der von der Zeugin angegebenen Zeit sinnlos berauscht
vor der Tür seiner Laube gelegen.
Öecker suchte ihn auf. Ein Bürschlein, schwächlich aussehend, blaß und stoppelbärtig; sichtlich hatte er sich tagelang nicht rasiert. In dem
primitiven Wohnraum herrschte Unordnung; benutztes Eßgeschirr stand herum, eines der beiden Betten war nicht gemacht und schien in diesem Zustand
immer wieder benutzt worden zu sein. Elf leere Schnapsflaschen waren achtlos in eine Ecke neben dem Kanonenofen geworfen worden.