Berichtete mir Major Polaroff, „fanden meine Mitarbeiter einen Bademeister, der aussagte, er habe in der Mordnacht von
weit draußen Motorengeräusch gehört, als er -schätzungsweise gegen ein oder zwei Uhr - austreten ging. Er habe aufs Meer hinausgespäht, aber nichts
erkennen können. Er habe sich auch weiter keine Gedanken darüber gemacht, warum auch? Eines aber könnte er mit Bestimmtheit sagen, denn er sei von
Beruf Motorenschlosser: Das Geräusch stammte keinesfalls von einem Buday-Motor, mit dem viele der Rettungsboote ausgestattet sind, noch von einem der
größeren Motorboote des Küstendienstes. Er meinte, es handelte sich um ein schnelles Sportfahrzeug. Ich habe da eine vage Vermutung”, schloß Major
Polaroff nachdenklich, „aber Sie werden verstehen, daß ich sie zunächst noch nicht ausspreche.
Das verstand ich nur zu gut, denn bloße Vermutungen sind in der Kriminalistik eine sehr zweischneidige Sache.
Polaroff fuhr mich zum Flugplatz, und ich flog nach Berlin. Nicht einmal drei Stunden brauchte die IL 18 für die fast 2000 Kilometer, und schon am
übernächsten Abend konnte ich zurückkehren. Ich hatte einiges erreicht.
Über Fräulein Böhme gab es - mittels Fernschreiber eingeholt - nur gute Leumundszeugnisse. Ich fand keinerlei Anhaltspunkte. Anders sah es mit der
Familie Buhl aus. In deren Kneipe verkehrten allerlei zweifelhafte Elemente, für die sich unsere Dienststellen schon seit längerem interessierten. Bei
irgendwelchen kriminellen Handlungen war Herr Buhl, Biedermann vom Scheitel bis zur Sohle - richtiger von der Glatze bis zu den Filzlatschen -, noch
nie erwischt worden. Seine viel jüngere Frau Rita fuhr einen Wartburg de luxe. Woher das Geld kam, war dunkel. Sie hatte, wie ich vorliegenden
Berichten unserer Mitarbeiter entnehmen konnte, mancherlei Männerbekanntschaften, von denen ihr Mann zweifellos wußte, die er sogar wohlwollend
duldete. Ahnungslos erzählte mir dann Frau Koffke, eine mundfertige Reinemachefrau, an die mich ein Mitarbeiter verwiesen hatte, daß die
unternehmungslustige Rita zur Zeit mit einem Kavalier, einem älteren Herrn mit Bürstenbart, vermutlich einem Österreicher, ans Schwarze Meer gefahren
sei. „Und da ist noch einer in ihrem Wagen mitgefahren, so ein jüngerer mit viel Geld, ein ganz mieser, frecher Kerl, mit dem die Buhls immer heimlich
getuschelt haben, und wenn man in die Nähe kam, dann schwiegen sie plötzlich.” Ich konnte, da mir Frau Koffke emsig half und da die fragwürdigen
Kunden des Herrn Buhl in letzter Zeit von unseren Mitarbeitern besonders genau beobachtet worden waren, ziemlich zuverlässig ermitteln, wer dieser
„miese, freche Kerl” war: ein aus Magdeburg geflüchteter Buchhalter, nach dem polizeilich gefahndet wurde.
Major Polaroff holte mich in Sofia vom Flugzeug ab. „Ihre Ermittlungen, Genosse Brückner”, rief er aus, nachdem ich ihm berichtet hatte, „decken sich
mit den unseren. Wir können zugreifen! Der Zettel, den Fräulein Böhme im Hotel erhielt, ist in einem der Papierkörbe an der Seepromenade gefunden
worden, nahe dem Steg. Darauf stand als Anschrift lediglich: RitaB., Zimmer dreihundertfünfundzwanzig, also kein Familienname. Auch im Text nicht,
sondern nur: ,Rita, dreiundzwanzig Uhr vierzig an Strand kommen, fünfzig Meter links vom Landesteg.’ Da Fräulein Böhme wohl kaum daran dachte,
vielleicht nicht einmal wußte, daß auch Frau Buhl mit Vornamen Rita heißt, ging sie, wahrscheinlich auf ein heiteres Abenteuer gefaßt, zum angegebenen
Treffpunkt. Was dort geschah, kann ich vorläufig nur rekonstruieren, aber wir werden es bestimmt sehr bald durch die Geständnisse der Täter bestätigt
finden: Anstelle der Rita Buhl, die den Lohn für Zubringerdienste ausgehändigt bekommen sollte, erschien - völlig unerwartet -eine junge Frau, die
sofort mißtrauisch zu fragen begann: Rita Böhme. Wenn sie an Land blieb, zu schreien begann, war das Unternehmen der Menschenhändler geplatzt. Also
zerrten sie die Kerle ins Motorboot und gaben Vollgas. Draußen haben sie dann die gefährliche Mitwisserin bedenkenlos ermordet, denn mitnehmen konnten
sie sie so wenig wie zurückbringen.”
„Wohin mitnehmen?” fragte ich verblüfft. „In die Türkei”, antwortete Polaroff. „Es gibt hier nämlich eine Bande, organisiert und geleitet von einem
ehemaligen ungarischen Offizier, welche allen möglichen Verbrechern, kriminellen wie politischen, zur Flucht in die Türkei verhilft. Das Ehepaar Buhl
leistet dabei Zubringerdienste, gegen beträchtliche Bezahlung natürlich. Aber nicht mehr lange, und unser Grenzschutz hat die Banditen dingfest
gemacht. Die Falle ist bereits aufgestellt. Heute nacht schlägt sie zu.”