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Derart überführt, versuchte er gar nicht erst zu leugnen, daß er der Fahrer beim Raub der Lohngelder gewesen war. Er gab auch ohne viel Ausreden zu,

daß sich die ganze Bande verabredungsgemäß diszipliniert unauffällig verhalten habe, um sich erst nach der Haftentlassung „Massis” die Beute zu

teilen. Mit Münther bestand keine Verbindung. Auf Brückners Frage, ob Kanthaak den Betriebsschutzmann erschlagen habe, zuckte Kitzbeck die Achseln und

fragte: „Wer soll’s denn sonst gewesen sein?”
Thomas Kanthaak wurde blaß, als er, zur Vernehmung vorgeführt, das Tatwerkzeug auf Brückners Schreibtisch liegen sah. „Na, Massi”, fragte Brückner,

„wollen Sie noch länger Theater spielen?” Thomas Kanthaak senkte den Kopf:
Als die zweiundzwanzigjährige Jutta Frisch am frühen Morgen immer noch nicht heimgekommen war, suchte ihr Vater, der Dachdeckermeister Jens Will-brod,

die örtliche Polizeidienststelle auf. Er war sehr erregt. Was er erzählte, war ziemlich verworren; mehrmals rief er ohne rechten Zusammenhang: „Sie

hat sich das Leben genommen!” Die beiden Volkspolizisten hatten wenig Erfahrung, denn Lunzau war ein stilles Dorf, noch nicht als Kurort erschlossen,

obwohl es in waldiger Umgebung an einem klaren, von Felsen umsäumten Bergsee lag. Bemerkenswerte Kriminalfälle waren hier seit über zwanzig Jahren

nicht vorgekommen. Jens Willbrod, Witwer, achtund vier zig Jahre alt, war als Handwerker in der neun Kilometer entfernten Kleinstadt und in zwei näher

gelegenen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sehr geschätzt. Man vermutete also, daß er, der sehr fleißig war und sparsam lebte, über

ein ansehnliches Konto in der Bank oder Sparkasse verfügte. Auf seine Tochter Jutta, die ihn alljährlich für einige Wochen zu besuchen pflegte, meist

ohne ihren vielbeschäftigten Mann, war Jens Willbrod ungewöhnlich stolz. Nicht nur, weil sie, die er seit dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren allein

erzogen hatte, auffallend schön und klug war, sondern auch - wodurch er sich, ohne daß er’s zugegeben hätte, besonders geschmeichelt fühlte -, weil

eine weithin bekannte Persönlichkeit sie geheiratet hatte: Jürgen Frisch, dessen außenpolitische Aufsätze im Zentralorgan der Partei und dessen

lebendige Fernseh- und Rundfunkansprachen auch im Westen stark beachtet und häufig polemisch kommentiert wurden. Der gewöhnlich wortkarge

Dachdeckermeister wurde beredt, wenn er von seiner Tochter Jutta und deren Mann sprach. Man verstand deshalb seine Aufregung, als er die

Vermißtenanzeige erstattete. Seinen Ausruf, die Tochter habe Selbstmord begangen, nahm man hin als verständliche Befürchtung eines allzu besorgten

Vaters. Verdacht schöpfte man noch nicht. Das geschah erst drei Tage später.
Da wurde die Leiche Juttas im See zwischen einigen herausragenden Felszacken gefunden. Die junge Frau mußte sich, wenn überhaupt Selbstmord vorlag,

von einem drahtumzäunten, mit allerlei Buschwerk bestandenen Plateau aus etwa achtzehn Meter Höhe hinabgestürzt haben.
Doch schon der Arzt, der aus dem nahen Städtchen zum Ausstellen des Totenscheins herbeigerufen worden war, fand auf dem Hinterkopf unter dem dichten

schwarzen Haar eine Fraktur der Schädeldecke, die allerdings auch während des Sturzes durch Aufschlagen gegen einen vorstehenden Felszacken entstanden

sein konnte. Ihm jedoch erschien das verdächtig, und der Leichnam wurde deshalb in das Kriminalmedizinische Institut nach Berlin übergeführt.

Meister Willbrod war nicht mehr wiederzuerkennen. Er hockte tatenlos in seinem Häuschen und starrte stundenlang mit blassem, verzerrtem Gesicht ins

Leere, man hätte ihn, der schon von Berufs wegen den Alkohol mied, für schwer berauscht halten können.
So war der Stand der Dinge, als Brückner und seine beiden Mitarbeiter mit der Klärung des Falls beauftragt wurden.
Das kriminalmedizinische Gutachten deckte sich mit dem Befund des Arztes, nur war hinzugefügt, daß die schwere Kopfverletzung auch von einem Schlag

mit einem kantigen Stein herrühren könne; die dichte Haardecke lasse jedoch keine präzisere Feststellung zu. In der Lunge waren Kieselalgen gefunden

worden, was beweise, daß der Tod erst unter Wasser eingetreten war, obwohl die Kopfverletzung allein genügt hätte, ihn herbeizuführen.
Noch vor der Abreise von Berlin hatte Brückner den Ehemann befragt, während Becker und Lorenz sehr diskret private Lebensumstände erkundeten. Jürgen

Friseh, für seine verantwortungsvolle Position noch verhältnismäßig jung (eben dreißig Jahre alt), ging in seiner Arbeit auf und war vor kurzem mit

einem Orden ausgezeichnet worden. Seine Frau Jutta, ehrenamtlich in einer Massenorganisation arbeitend, sollte demnächst ihr Fernstudium in

Politökonomie abschließen. Alle, die sie kannten, sprachen mit Hochachtung von ihr.

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