Becker und Lorenz forschten im Dorf intensiv nach anderen Verdächtigen. Sie entdeckten keinen. Die meisten Einwohner kannten natürlich Jens Willbrod
und Jutta Frisch. Sie nannten Jutta freundlich und fröhlich, ihren Vater schweigsam, fleißig und tüchtig. Befreundet war niemand mit ihnen. Ein
Bäckermeister und der Förster besuchten Willbrod gelegentlich in seinem Häuschen, um mit ihm Schach oder, wenn sie zu dritt waren, Skat zu spielen.
Ihre Aussagen waren sehr positiv, nur der Förster schränkte die seine ein wenig ein: „Willbrod kann manchmal sehr jähzornig sein”, und der
Bäckermeister fügte hinzu: „Eine Schwäche hat der arme Jens, er renommiert gern ein bißchen mit der hohen Stellung seines Schwiegersohns.”
Ein Maurer, mit dem Willbrod beruflich viel zu tun hatte, wollte bemerkt haben, daß der ohnehin wortkarge Dachdeckermeister seit etwa einem halben
Jahr noch schweigsamer geworden sei. „Mir schien, ihn bedrückte etwas.” Damit war natürlich, selbst wenn es stimmte, kaum etwas anzufangen. „Ich mußte
also”, erzählte mir Peter Brückner später, „trotz allen menschlichen Verständnisses Jens Willbrod noch einmal gründlich vernehmen.” „Und?” fragte ich
gespannt.
„Er wurde, als ich nach seinem Feuerzeug fragte, auffallend erregt, stammelte er. Ich legte es auf den Tisch. ,Wissen Sie, wo
wir es gefunden haben?’ Tonlos antwortete er: ,Ich kann es mir denken.’ Unbarmherzig fuhr ich fort: ,Sie haben es in der Nacht verloren, als Ihre
Tochter … verunglückte.’ Er nickte wortlos; sein Gesicht war erschreckend bleich geworden. ,Wollen Sie sich nicht offen mit mir aussprechen?’ fragte
ich behutsam. ,Ich verstehe’, erklärte ich, ,daß Sie sich vor einem … nun, sagen wir, Skandal fürchten. Aber der wird nur größer und
verhängnisvoller, wenn Sie weiter schweigen.’ Der Mann, wie er so dasaß und offensichtlich mit sich kämpfte, war mitleiderregend. ,Erleichtern Sie Ihr
Gewissen’, riet ich ihm. Da stand er schwerfällig auf, stapfte zu seinem Schreibtisch, öffnete eine Lade und brachte mir eine Fotografie. ,Ich wurde
seit sieben Monaten erpreßt’, sagte er heiser. Jedesmal um vierhundert Mark, und das letzte Mal waren es sechshundert.’ Das Bild zeigte eine nackte
Frau, die lachend einen Blütenzweig emporhob. Die Stellung des Körpers war betont sexuell aufreizend. ,Ihre Tochter?’ fragte ich. Willbrod senkte den
Kopf. ,Ja, meine Jutta.’ Aber auf dem Foto war noch etwas zu sehen: links unten im Vordergrund die angeschnittene Silhouette eines männlichen
Oberkörpers, ebenfalls nackt. Ein wilder Vollbart und lange Haare. Nun, Sie kennen ja solche Typen.”
Brückner hat mir nach Abschluß des Falls gestattet, seinen Notizen über die weiteren Aussagen Willbrods das Wesentlichste zu entnehmen. Als der in
seine Tochter vernarrte Vater das Foto mit dem ersten erpresserischen Begleitbrief erhielt, war er entsetzt. Er schämte sich seiner Tochter so sehr,
daß er es nicht über sich brachte, mit ihr, deren moralische Sauberkeit er bis dahin für unantastbar gehalten hatte, über das obszöne Foto (das mit
einer harmlosen Aktaufnahme nichts zu tun hatte) auch nur andeutungsweise zu sprechen. Wie viele andere, die erpreßt werden, scheute er sich leider,
das einzig Vernünftige zu tun: sich sofort einer geeigneten Stelle unserer Volkspolizei anzuvertrauen. Er wußte nicht, mit welcher Diskretion solche
Fälle behandelt, Erpresser meist schnell entdeckt und unschädlich gemacht werden. Wie ein Alpdruck lastete auf ihm die fortwährende Furcht, der
Erpresser könne seine Drohung wahrmachen und die Aufnahme an ein westliches Skandalblatt schicken. Er sah die Unterschrift so oder ähnlich vor sich:
„Jutta, die Ehefrau des bekannten Spitzenfunktionärs der ostzonalen SED Jürgen Frisch!”
Willbrod zahlte und zahlte, sein Konto schmolz zusammen, und zuletzt forderte der Erpresser monatlich zweihundert Mark mehr; demnächst würde er (wie
es erfahrungsgemäß fast immer geschieht) seine Forderung noch mehr steigern und, wenn Willbrod ausgeplündert war, dennoch mitleidlos zuschlagen. Jens
Willbrod sah keinen Ausweg mehr. Endlich entschloß er sich, seiner Tochter das Foto zu zeigen und von ihr Rechenschaft zu verlangen. Jutta begriff
nichts. Empört stritt sie alles ab. Ob sich ihr Vater derart Schmutziges von ihr überhaupt vorstellen könne? Willbrod, zutiefst enttäuscht und
verletzt, hätte Jutta beinahe geschlagen, als sie nun auch noch behauptete, das Foto müsse eine Fälschung sein.
Der Erpresser hatte eine bestimmte Stelle auf dem Plateau angegeben, wo das Geld in einem Briefumschlag unter einen Stein deponiert werden sollte.
Jutta erklärte impulsiv, sie werde statt ihres Vaters hinaufgehen, um den Verbrecher zu stellen, und wenn sie die ganze Nacht auf ihn lauern müsse.
„Du kennst ihn doch!” schrie Willbrod mit bitterer Ironie. „Oder hast du dich von verschiedenen Fotografen so schweinisch aufnehmen lassen?” Zornig
schlug er die Tür zu und machte sich mit dem Geld auf den Weg.